Der dritte SGFK‑Fachtag 2025 an der Evangelischen Hochschule Darmstadt (EHD) markiert einen Meilenstein in der Professionalisierung und wissenschaftlichen Konsolidierung des Berufsbilds der Schulgesundheitsfachkraft (SGFK). Deutlich wurde: Schulgesundheitspflege hat die Phase der Modellprojekte hinter sich gelassen und entwickelt sich zunehmend zu einer strukturellen Komponente interprofessioneller Gesundheitsförderung im Bildungswesen. 

Der Fachtag wurde von EHD gemeinsam mit der European Union for School and University Health and Medicine (EUSUHM) veranstaltet. Er brachte ExpertInnen aus Wissenschaft, Politik und Praxis zusammen – darunter Vertreter*innen der WHO Europe, des Deutschen Pflegerats, des Berufsverbands der Kinder- und JugendärztInnen sowie Vertreter*innen des Landeselternbeirats und der LandesschülerInnenvertretung Hessen.

Berufsbild im Wandel: Von Modellprojekten zu Regelstrukturen

In mehreren Beiträgen wurde die zunehmende Implementierungsreife des SGFK-Berufsbilds herausgestellt. Während 2017 noch Vernetzung und Pilotierung dominierten, zeigt die aktuelle Lage eine klare Bewegung hin zur Verankerung im Regelbetrieb. In Hessen, Bremen, Hamburg und Stuttgart gelingt die Verstetigung bereits, in Brandenburg trägt die Kombination aus wissenschaftlicher Evaluation und kommunaler Finanzierung erste strukturelle Früchte. Rheinland‑Pfalz, als eines der ersten Länder, die das Thema Schulgesundheitspflege politisch sichtbar gemacht haben, befindet sich mit seinem erweiterten Landesmodellprojekt in einer Übergangsphase: formal noch Modell, in der praktischen Umsetzung jedoch bereits mit klaren Strukturmerkmalen und Perspektiven der Verstetigung.

Trotz der insgesamt positiven Entwicklung bestehen weiterhin massive Disparitäten: Mit nur rund 150 SGFK für 32.000 Schulen bleibt Deutschland im internationalen Vergleich aktuell noch weit zurück. 

Gesundheitliche Herausforderungen im Kindes‑ und Jugendalter

Die fachlichen Inputs verdeutlichten die Notwendigkeit nachhaltiger schulischer Gesundheitsstrukturen. Psychische Belastungen, psychosomatische Beschwerden, chronische Erkrankungen und soziale Ungleichheit prägen den schulischen Alltag zunehmend. Daten der DAK, COPSY‑Studie und internationale WHO‑Analysen belegen eine alarmierende Entwicklung: bis zu 20 % der SchülerInnen weisen behandlungsbedürftige psychische Erkrankungen auf; Schlaf‑, Ess‑ und Stressproblematiken nehmen signifikant zu. Schulgesundheitsfachkräfte wurden vor diesem Hintergrund als wichtige Ansprechpersonen mit weiterreichender Schnittstellenfunktion eingeordnet – sowohl in der Früherkennung psychosozialer Belastungen als auch in der kontinuierlichen Begleitung chronisch kranker Kinder.

Pflegefachlichkeit als Kern der Schulgesundheitspflege

Ein zentrales Anliegen des Fachtags betraf die Qualität der Pflegeprofession: Schulgesundheitsfachkräfte handeln nicht als „PflasterkleberInnen“, sondern als eigenständige Pflegefachpersonen im schulischen Setting. Die Weiterbildungsprogramme – insbesondere das Zertifikatsformat (CAS) am Campus 3L der Evangelischen Hochschule Darmstadt – verbinden pflegewissenschaftliche Expertise mit pädagogischen, rechtlichen und sozialwissenschaftlichen Elementen und schaffen damit ein interprofessionelles Kompetenzprofil. 

Die empirischen Daten aus Brandenburg unterstreichen die pflegefachliche Relevanz: 74 % aller SchülerInnen hatten im letzten Schuljahr mindestens einen Kontakt zur Schulgesundheitsfachkraft, wobei Beratung, psychosoziale Unterstützung und klinische Einschätzung zentrale Interventionen darstellen. 86 % der Kinder konnten nach einer Behandlung und Betreuung durch die SGFK wieder in den Unterricht zurückkehren. Damit leisten Schulgesundheitsfachkräfte einen signifikanten Beitrag zu Teilhabe und Bildungskontinuität. 

Ökonomische und strukturelle Implikationen

Das pflegewissenschaftlich bedeutsame Thema der Versorgungsökonomie wurde mehrfach adressiert. Kosten‑Nutzen‑Analysen aus Brandenburg und Hessen zeigen, dass SGFK nicht nur Versorgungslücken schließen, sondern auch die Zahl unnötiger Rettungsdiensteinsätze, Klinikaufenthalte sowie elterlicher Arbeitsausfälle reduzieren. Der Return‑on‑Investment liegt – je nach Fallgruppe – zwischen 1:10 und 1:24. Dies verdeutlicht das Potenzial der SGFK als gesundheitspolitische Strukturmaßnahme, die Pflegefachlichkeit in Prävention, Früherkennung und Versorgung an einem der lebensweltlich wichtigsten Orte – der Schule – positioniert.

Zentrale pflegewissenschaftliche Perspektiven

Im fachlichen Diskurs des Fachtags traten mehrere zentrale Themen klar hervor. Besonders fokussiert wurde die Rolle der Schulgesundheitsfachkräfte als interprofessionelle AkteurInnen, die zwischen Gesundheit, Bildung und Jugendhilfe vermitteln und damit ein zeitgemäßes Beispiel für vernetzte Pflegepraxis darstellen. Zugleich wurde deutlich, dass eine bundesweit einheitliche Weiterbildungsordnung sowie perspektivisch akademische Qualifizierungswege erforderlich sind, um die Profession langfristig zu stärken. Auch die pflegeethischen und psychosozialen Dimensionen wurden betont, da Schulgesundheitsfachkräfte häufig zentrale und verlässliche Bezugspersonen für besonders vulnerable SchülerInnen darstellen. Aus dieser Verantwortung ergibt sich die Notwendigkeit klarer fachlicher Standards, regelmäßiger Supervision und einer verlässlichen strukturellen Absicherung ihrer Rolle.

Ausblick

Der Fachtag machte deutlich: Schulgesundheitspflege ist ein wachsendes, pflegewissenschaftlich hochrelevantes Feld. Die Verbindung von Pflegeexpertise, Gesundheitsförderung und sozialraumorientierter Versorgung ist ein zukunftsweisender Ansatz für die Weiterentwicklung des Pflegeberufs – sowohl im Bereich Public Health Nursing als auch im Sinne einer evidenzbasierten Schulgesundheitsversorgung.

Mit der geplanten AMWF‑Leitlinie, den laufenden Landesprogrammen und dem Startchancen‑Förderprogramm entstehen derzeit fundamentale Bausteine für eine bundesweite Verankerung des Berufsbilds. Für die Pflegewissenschaft eröffnet dies ein breites Forschungs‑ und Gestaltungsfeld – von Wirksamkeitsstudien über Curriculum‑Entwicklung bis hin zu gesundheitsökonomischen und pflegeethischen Analysen.

Wissenschaftliche Ansprechpartnerin:
Prof. Dr. Ulrike Manz
Evangelische Hochschule Darmstadt
Fachbereich Inklusive Bildung und Gesundheit Studiengangsleitung BA Lebensweltorientierte Gesundheitsförderung 
Zweifalltorweg 12
64293 Darmstadt
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Bildquellen: T. Ehrig/J. Stein

Im Jahr 2023 standen in der Pflege mehr Ausbildungs- und Studienplätze zur Verfügung, als tatsächlich nachgefragt wurden. Das geht aus der zweiten Erhebungsrunde des Pflegepanels des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) hervor. Für Auszubildende ergaben sich daraus zugleich günstige Startbedingungen für den Berufseinstieg: Hohe Übernahmequoten nach Abschluss der Ausbildung sowie gute Wechselmöglichkeiten zwischen unterschiedlichen Pflegeeinrichtungen sorgten für vielfältige und flexible Einstiegsperspektiven in den Pflegeberuf.

Im Jahr 2023 boten ausbildende Einrichtungen nahezu 100.000 Ausbildungsplätze in der Pflege an, von denen etwas mehr als die Hälfte – rund 54 Prozent – tatsächlich vergeben wurden. Auch an den Pflegeschulen zeigte sich ein deutliches Überangebot: Von etwa 83.000 verfügbaren Schulplätzen waren rund 61.500 belegt, was einer Auslastung von 74 Prozent entspricht. Ähnliche Entwicklungen zeigten sich in den pflegepraktischen, insbesondere primärqualifizierenden Bachelorstudiengängen, in denen ebenfalls nicht alle Kapazitäten ausgeschöpft wurden. Für Ausbildungsinteressierte ergaben sich dadurch erweiterte Wahlmöglichkeiten bei der Entscheidung für einen Ausbildungsplatz.

Die Ursachen für unbesetzte Ausbildungsplätze variierten je nach Versorgungsbereich. Pflegeheime und ambulante Dienste nannten vor allem eine zu geringe Zahl an Bewerbungen als Hauptgrund. Pflegeschulen und Krankenhäuser führten hingegen häufiger eine unzureichende Eignung der Bewerberinnen und Bewerber an. Bei der Auswahl von Auszubildenden spielten in vielen Einrichtungen Motivation, der persönliche Eindruck sowie ein vorheriges Kennenlernen eine größere Rolle als Schulnoten oder formale Zugangsvoraussetzungen. In Krankenhäusern hatten schulische Abschlüsse zwar tendenziell ein höheres Gewicht, gleichzeitig meldeten sie im Vergleich seltener Schwierigkeiten bei der Besetzung von Ausbildungsplätzen.

Der Übergang von der Ausbildung in den Beruf stellt sich insgesamt positiv dar. Nahezu 80 Prozent der Absolventinnen und Absolventen in Krankenhäusern sowie rund zwei Drittel der Absolvierenden in Pflegeheimen und ambulanten Diensten wurden nach Abschluss übernommen, in der Regel in unbefristete Beschäftigungsverhältnisse. Die Erhebungsdaten geben zudem Hinweise auf eine hohe Mobilität unter den Nachwuchskräften: Schätzungsweise rund 1.800 Personen wechselten unmittelbar nach der Ausbildung aus der stationären oder ambulanten Langzeitpflege in den Krankenhausbereich. Insgesamt zeichnen die Ergebnisse das Bild eines klar strukturierten Ausbildungsmarktes, in dem Einrichtungen weiterhin intensiv um Nachwuchs werben und Auszubildende gute Bedingungen für den Berufseinstieg vorfinden.

Die zweite Erhebungswelle des BIBB-Pflegepanels wurde im Zeitraum von Januar bis September 2024 durchgeführt. Insgesamt nahmen über 7.200 Ausbildungsverantwortliche an der Befragung teil, die sich auf die berufliche und hochschulische Pflegeausbildung im Bezugsjahr 2023 bezog. Darunter befanden sich 6.276 Personen aus ausbildenden Einrichtungen, 925 aus Pflegeschulen sowie 46 aus Hochschulen mit pflegepraktischem Anteil. Die Ergebnisse der dritten Erhebungswelle sollen voraussichtlich Ende 2026 veröffentlicht werden.

Den Bericht zur zweiten Erhebungswelle können Sie hier ansehen.


Zur Pressemitteilung: https://www.bibb.de/de/pressemitteilung_217063.php

Foto © BIBB/ Hagedorn

Die Evangelische Hochschule Berlin hat mit dem Projekt CurAP seit 2019 Pflegeschulen und Ausbildungsträger bei der Umsetzung der generalistischen Pflegeausbildung begleitet. Nun zum Projektabschluss zeigt sich: CurAP hat mit praxisnahen Konzepten, Forschung und Qualifizierungen wichtige Impulse für eine nachhaltige Weiterentwicklung der Pflegeausbildung in Berlin gesetzt

Nach sechs Jahren endet an der Evangelischen Hochschule Berlin das Projekt CurAP, das von der Berliner Senatsverwaltung gefördert wurde. Seit 2019 hat das Team Pflegeschulen und Praxiseinrichtungen dabei unterstützt, die curriculare Arbeit in der generalistischen Pflege- und Pflegefachassistenz-Ausbildung weiterzuentwickeln – und damit wichtige Impulse für die Professionalisierung der Pflegebildung in Berlin gesetzt.

Mit Einführung der neuen Pflegeausbildung 2020 und der Pflegefachassistenzausbildung 2022 standen Schulen und Träger vor zentralen Fragen: Wie gelingt eine praxisnahe, kompetenzorientierte Gestaltung der Lerninhalte? Welche neuen Anforderungen ergeben sich für die Praxisanleitung? Und wie können Lehrende und Praxisanleitende bei der Umsetzung dieser Reformen wirksam unterstützt werden?

„Das Projekt CurAP hat in einer für die Pflegebildung entscheidenden Phase die Berliner Schulen und Ausbildungsträger begleitet – praxisnah, wissenschaftlich fundiert und mit großem Engagement“, betonte Prof. Dr. Sebastian Schröer-Werner, Präsident der Evangelischen Hochschule Berlin, in seinem Grußwort zur Abschlussveranstaltung. „Es zeigt eindrücklich, welche wichtige Rolle die EHB als Partnerin in der Weiterentwicklung der Pflegebildung spielt.“

Sechs Jahre innovative Bildungsarbeit

Über sechs Jahre hat das Projekt CurAP ein umfangreiches Netzwerk aufgebaut und vielfältige Unterstützungsangebote bereitgestellt. Diese langfristige Förderung ist bundesweit nahezu einmalig und fand nur noch in Brandenburg eine ähnliche Umsetzung – ein Modell, das auch über die Region hinaus Beachtung findet. 
Die Projektleiterinnen Prof. Dr. Sandra Altmeppen und Prof. Dr. Annerose Bohrer sowie ihr Team entwickelten Fortbildungen, Inhouse-Beratungen und praxisnahe Begleitungen für Lehrende, Praxisanleitende und Bildungsverantwortliche. Höhepunkt war der jährliche digitale Fachtag mit über 150 Teilnehmenden, durchgeführt gemeinsam mit den Partnerprojekten Neksa (Brandenburg) und IPfleB (Sachsen). Außerdem entstanden Handreichungen, Schulungsformate und Forschungsarbeiten, die über Berlin hinaus Anerkennung fanden und weiterhin genutzt werden können.

Bedeutung für Berlin und darüber hinaus

„Das Land Berlin hat gezielt in die Umsetzung der Pflegeberufereform investiert und mit dem Projekt CurAP über Jahre hinweg die Berliner Lehrenden und Praxiseinrichtungen bei der Umsetzung der Reformen gestärkt. Die Ziele des Projektes sind erreicht“, erklärte Anja Lull, Ansprechpartnerin für Pflegeberufe und Fachkräftesicherung in der Pflege in der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege. „Gerade in einer Zeit des Fachkräftemangels ist diese Arbeit ein zentraler Beitrag, um die Qualität der Pflegeausbildung zu sichern.“

Gleichzeitig zeigte das Projekt, dass in der Lehrer:innenbildung für Pflegeberufe weiterhin strukturelle Lücken bestehen: Kontinuierliche Fort- und Weiterbildungsangebote, wie sie in anderen staatlichen Berufsfeldern üblich sind, fehlen hier größtenteils. Lehrerin Dr. Heidrun Hogan betont: „Die Fortbildungsangebote waren so innovativ, mir wurden Fragen gestellt, auf die wäre ich selbst als langjährig erfahrene Lehrerin nie gekommen. Solche Fragen müssen aus der Wissenschaft kommen, und das hat die Qualität in diesem Projekt und die Fortbildungsangebote ausgemacht“.

Kommentare aus den Schulen und Praxiseinrichtungen wie „Wegbegleiter ohne Ende“, „Wo bekommen wir jetzt unsere Impulsgeber?“, „Ein Riesenverlust“ verdeutlichen eindrücklich, wie stark die Angebote von CurAP im Alltag verankert waren und welchen spürbaren Verlust das Auslaufen des Projekts hinterlässt.
„CurAP konnte hier sechs Jahre lang eine Lücke schließen – und es wäre für das Land Berlin wünschenswert, diese Form der Unterstützung dauerhaft zu verstetigen,“ so die Projektleiterinnen von CurAP, Prof.in Dr. Sandra Altmeppen und Prof.in Dr. Anne Bohrer.

Nachhaltige Wirkung für die Pflegebildung

Über sechs Jahre entstanden Formate wie Arbeitsgruppen, Fortbildungsreihen und Austauschplattformen, die ein wertvolles Fundament für die zukünftige curriculare Arbeit in Pflegeschulen und Praxiseinrichtungen schaffen. Die Abschlussveranstaltung am 13. November 2025 an der EHB brachte rund 25 Vertreter:innen aus Schulen, Praxiseinrichtungen, BLGS und Senatsverwaltung zusammen, um die Projektergebnisse zu diskutieren und einen Blick auf die Zukunft der Pflegebildung in Berlin zu werfen.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof.in Dr. Annerose Bohrer, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.
Prof.in Dr. Sandra Altemeppen, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

Weitere Informationen:
https://www.eh-berlin.de/forschung/forschungsprojekte/curap


Zur Medienmitteilung: https://www.eh-berlin.de/meldungen/detail/gemeinsam-pflegebildung-gestalten-projekt-curap-an-der-ehb-beendet-erfolgreiche-arbeit

Foto: Projektteam CurAP zusammen mit Gästen am 13. November 2025 ( v.l.n.r.): Prof.in Dr. Annerose Bohrer, Marie-Luise Junghahn, Prof.in Dr. Sandra Altmeppen, Anja Lull (SenWGP), Felix Lüttge und Sonja Hummel-Gaatz (SenWGP)