Georg Johannes Roth, Martin Schniertshauer (Hrsg.)

W. Kohlhammer, Stuttgart, 1. Auflage 2026, 244 Seiten, 39,00 €, ISBN 978-3-17-042857-7

Wie gelingt professionelle Ausbildung dort, wo jede Minute zählt und kleine Fehler gravierende Folgen haben können? Der neue Sammelband von Georg Johannes Roth und Martin Schniertshauer widmet sich einem Thema, das in der pflegepädagogischen Literatur bislang oft nur am Rande behandelt wurde: der systematischen Gestaltung praktischer Ausbildung in Intensivpflege, Notaufnahme, OP, Anästhesie, Palliativpflege und Psychiatrie.

Die beiden Herausgeber bringen dafür ideale Voraussetzungen mit. Georg Johannes Roth (B.A., MBA) ist Pflegepädagoge und Pflegeexperte für Intensivpflege am Bildungszentrum Gesundheit und Soziales Chur. Er verfügt über langjährige Erfahrung als klinischer Pflegelehrer und Praxisanleiter und ist Lehrbeauftragter an der Ostschweizer Fachhochschule St. Gallen. Martin Schniertshauer (M.Sc.) verbindet als Psychologe, Fachpflegekraft für Intensivpflege und Anästhesie sowie Notfallsanitäter klinische Praxis mit psychologischer Expertise zu Entscheidungsverhalten unter Stress. Das Werk entstand aus der langjährigen Lehr- und Praxiserfahrung beider Herausgeber und vereint Beiträge verschiedener Fachautoren, darunter Prof. Dr. Jörg Wendorff für die pädagogischen Grundlagen.

Der Band ist klar strukturiert: Nach grundlegenden Kapiteln zu Lernen, Didaktik, Kompetenzentwicklung und Digitalisierung folgen Ausführungen zur Praxisanleitung und entwicklungsorientierter Bildung. Den Kern bilden feldspezifische Beiträge zu den einzelnen High-Care-Bereichen, die jeweils typische Lernsituationen und didaktische Herausforderungen aufzeigen. Ergänzt wird dies durch methodische Kapitel zu Simulation, problembasiertem Lernen, Virtual Reality, Clinical Assessment und Cognitive Apprenticeship. Den Abschluss bilden Beiträge zu organisationalen Entwicklungsaspekten und zur persönlichen Haltung von Ausbildungsverantwortlichen.

Was macht dieses Buch besonders? Die zentrale Stärke liegt in der konsequenten Situationsorientierung. Statt abstrakter pädagogischer Konzepte arbeitet der Band mit realistischen Handlungsszenarien aus der Praxis. Ausbildung wird nicht als lineare Wissensvermittlung verstanden, sondern als dynamischer Kompetenzaufbau unter Bedingungen von Zeitdruck, Unsicherheit und emotionaler Beanspruchung. Diese Nähe zur tatsächlichen Praxis unterscheidet das Werk deutlich von allgemeinpädagogischen Standardwerken wie den Bänden von Mamerow oder Quernheim, die sich primär an die generalistische Pflegeausbildung richten.

Besonders gelungen sind die feldspezifischen Kapitel. Sie vermeiden didaktische Abstraktion und zeigen stattdessen konkret auf, welche spezifischen Kompetenzen in der Notaufnahme, auf der Intensivstation oder im OP entwickelt werden müssen. Die Beiträge stammen von Autorinnen und Autoren, die selbst an der Schnittstelle von klinischer Fachpraxis, pädagogischer Qualifikation und Entwicklungsfunktionen arbeiten. Das merkt man: Die Sprache ist präzise, die Beispiele authentisch, die Ratschläge umsetzbar.

Auch methodisch bietet der Band wertvolle Impulse. Neuere Ansätze wie Virtual Reality oder Cognitive Apprenticeship werden nicht als Selbstzweck präsentiert, sondern funktional in didaktische Zielsetzungen integriert. Fallbeispiele, strukturierte Planungshilfen und methodische Arrangements ermöglichen eine unmittelbare Übertragung in die Praxis, ohne in schematische Rezeptlogik zu verfallen. Das Buch versteht Ausbildung konsequent systemisch – eingebettet in organisationale Rahmenbedingungen, Qualifikationsstrukturen und technologische Entwicklungen.

Allerdings hat der Band auch Schwächen. Die theoretische Tiefenschärfe variiert zwischen den einzelnen Beiträgen erheblich. Während die Grundlagenkapitel ihre Argumentation klar in bestehende berufspädagogische Diskurse einbetten, arbeiten mehrere feldspezifische Beiträge – etwa zu Notaufnahme, Palliativpflege und Psychiatrie – stärker beschreibend (siehe Seiten 87-142). Die didaktischen Ableitungen bleiben hier teilweise implizit, was den unmittelbaren Praxisnutzen erhöht, zugleich jedoch die analytische Tiefe begrenzt.

Die empirische Fundierung bleibt insgesamt zurückhaltend. Positive Effekte von Simulation und digitalen Lernsettings werden vor allem über Praxisbeispiele und Plausibilitätsargumente illustriert. Eine systematischere Einbindung empirischer Wirkungsnachweise hätte die wissenschaftliche Überzeugungskraft gestärkt. Auch eine vertiefte Diskussion von Implementationsgrenzen – etwa zu Ressourcenbindung oder Skalierbarkeit – wäre wünschenswert gewesen (Seiten 163-189).

Die thematische Breite führt stellenweise zu Wiederholungen zentraler Leitbegriffe wie Kompetenzorientierung, Reflexion oder Simulation. Für die selektive Nutzung einzelner Kapitel ist dies hilfreich, im fortlaufenden Lesen kann es jedoch ermüden. Zudem fokussieren die Best-Practice-Darstellungen überwiegend auf gelingende Beispiele. Eine stärkere Berücksichtigung von Umsetzungshemmnissen oder weniger erfolgreichen Entwicklungsverläufen hätte zusätzliche Lernpotenziale eröffnet.

Die grafische Gestaltung ist funktional, aber schlicht. Übersichten und Tabellen unterstützen das Verständnis, bleiben jedoch in der visuellen Aufbereitung eher zurückhaltend. Ein ausführlicheres Stichwortregister hätte die Nutzung als Nachschlagewerk erleichtert.

Inhaltlich ist der Band auf aktuellem Stand und berücksichtigt die Anforderungen der generalistischen Pflegeausbildung. Im Vergleich zu anderen aktuellen Werken der Praxisanleitung wie Sahmel (2022) oder Oelke/Meyer (2023) bietet er eine spezifische Fokussierung auf High-Care-Bereiche, die im deutschsprachigen Raum bislang fehlte. Sein eigentlicher Beitrag liegt weniger in theoretischer Innovation als in einer professionellen Übersetzungsleistung: Bekannte pädagogische Prinzipien werden systematisch in hochkomplexe Versorgungskontexte transferiert.

Für wen ist dieses Buch geeignet? In erster Linie profitieren Praxisanleitende, Ausbildungsbeauftragte und Pflegepädagoginnen und -pädagogen, die Ausbildung in spezialisierten Settings konzeptionell weiterentwickeln möchten. Auch Leitungs- und Entwicklungsfunktionen im Gesundheitswesen sowie fortgeschrittene Studierende mit pädagogischem Schwerpunkt finden hier wertvolle Impulse. Weniger geeignet ist das Werk für Leserinnen und Leser ohne pädagogische Vorerfahrung oder für diejenigen, die primär empirische Forschung erwarten.

Zusammengefasst: Der Band ist keine theoretische Innovation, sondern eine fachlich solide Konsolidierung und Professionalisierung eines anspruchsvollen Praxisfeldes. Seine Stärke liegt in der kohärenten Verbindung von pädagogischer Fundierung, realistischer Praxisnähe und systemischer Perspektive. Als Arbeits- und Orientierungsbuch für die Weiterentwicklung praktischer Ausbildung in High-Care-Bereichen ist die Publikation klar empfehlenswert.

Eine Rezension von Michaela Key, MSc, 
RN
 Leiterin Bildung Universitätsspital Zürich, Direktion Pflege und MTTB

Andreas P. Lausch

Facultas Verlag, Wien, 1. Auflage 2025, 186 Seiten, Printausgabe 26,90 €, e-book 23,99 €, ISBN 978-3-7089-2577-6

Der österreichische Autor Andreas P. Lausch ist diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger mit weitreichender Berufserfahrung in unterschiedlichen Positionen. Unter anderem begleitet er Lehraufträge an Instituten des Pflege- und Gesundheitswesens, Universitäts- und Fachhochschulwesens. Zusätzlich publiziert Herr Lausch in Fachzeitschriften und ist Fachbuchautor. 

Der Inhalt des Buches, der sich auf die Themen Gesundheitspolitik, Betriebsführung, organisatorische Strukturen im Gesundheitswesen und Qualitätssicherung fokussiert, entwickelte sich aus den Unterrichtskonzepten des Autors. Die Themen sind Bestandteile des österreichischen Curriculums der allgemeinen Gesundheits- und Krankenpflege und auf dieses zugeschnitten, gehen aber aus Gründen der besseren Verständlichkeit teilweise über die Erfordernisse des Curriculums hinaus.

Der erste Teil führt in die österreichische Gesundheits- und Sozialpolitik und die Verteilung der verschiedenen Kompetenzen ein. Es werden das System der sozialen Sicherung und die gesundheitliche Versorgung als ein Teilbereich dargestellt. Sie beschreiben den Ist-Zustand des Gesundheitswesens in Österreich. Ein zweiter Teil beschreibt die Grundlagen der Wirtschaft und Betriebsführung und führt in die Unternehmensrechnung ein. In einem dritten Teil werden die vorher dargestellten Grundlagen auf das Gesundheitswesen angewendet und die Organisationsstruktur eines Krankenhauses einschließlich Personalbedarfsberechnungen ausgeführt. Ein vierter Bereich befasst sich mit dem Qualitätsmanagement, bevor zum Schluss die verschiedenen Berufe im Sozial- und Gesundheitswesen erläutert werden. 

Das Buch ist systematisch aufgebaut und führt klar strukturiert von allgemeinen Regeln zu deren Anwendung im Gesundheitssystem. Die Kapitel folgen einer identischen Systematik. Jedes Kapitel enthält Hinweise auf die Kernaussage des Kapitels, weiterführende Aufgaben, Fragen zur Wissensüberprüfung, Literaturempfehlungen und eine Kapitelzusammenfassung. Diese Struktur wird durch Icons unterstützt, die zu Beginn des Buches erklärt werden. Zusätzlich werden Fremdwörter und Fachbegriffe in der Randspalte erklärt.

Lesende erhalten einen Überblick über die österreichische Gesundheitspolitik sowie Struktur und Aufbau des österreichischen Gesundheitswesens. Es werden verschiedene Settings wie z.B. Krankenhaus, ambulante Versorgung oder das Rettungs- und Krankentransportwesen vorgestellt. Der Fokus des Buches liegt auf dem Bereich Betriebsführung und Wirtschaft. Neben der allgemeinen Wissensvermittlung, wie die Erklärung des Prinzips der Wirtschaftlichkeit oder des Wirtschaftskreislaufs, vermittelt der Autor allgemein, wie ein Betrieb aufgebaut ist und stellt Möglichkeiten der Betriebsorganisation vor. Den Kontext von Betriebsführung und Organisationsstrukturen im Gesundheitswesen stellt Herr Lausch in jeweils eigenen Kapiteln dar und nimmt auch das Thema Personalbedarf einschließlich des Skills- und Grade-Mix auf. Im Kapitel Qualitätsmanagement erfahren Lesende neben einem soliden Grundlagenwissen auch, mit welchen Instrumenten Qualität gemessen und gesichert werden kann.

Die vorliegende Publikation behandelt einen komplexen, bei vielen Lernenden aber eher unbeliebten Themenkreis. Mit diesem Handbuch ist es Herrn Lausch gelungen, die Komplexität des Themas sinnvoll zu verdichten und praxisnah pädagogisch aufzubereiten. Durch die klare Strukturierung, unterstützt durch Icons, ist das Buch leicht lesbar. Zu beachten ist, dass die Kapitel 1 und 2 speziell das österreichische Gesundheitssystem beschreiben.

Das Buch ist als Handbuch für Lernende, aber auch für Lehrende eine wertvolle Lektüre. Es wendet sich an Praktiker*innen, indem es sie anregt, ihr eigenes Handeln unter einer wirtschaftlichen und qualitätssichernden Perspektive zu reflektieren und gibt Anstoß, ihr eigenes Handeln zu optimieren. 

Eine Rezension von Manuela Bergbauer, M.A. Berufspädagogik

Roswitha Ertl-Schmuck und Linda Hommel (Hrsg.)

Beltz Juventa-Verlag, 1. Auflage 2025, 269 Seiten, 30,00 €, ISBN 978-3-7799-7904-3

Bisher hat wohl kein anderes Werk die Praxisanleitung in den Gesundheits- und Therapieberufen so umfassend eingeordnet und beleuchtet, wie das von Prof. Dr. Roswitha Ertl-Schmuck und Dipl.-Berufspäd. Linda Hommel kuratierte und im Beltz Juventa-Verlag erschiene Buch.

Übersichtlich gliedert der erste von zwei Sammelbänden insgesamt 12 Kapitel namhafter Autor:innen aus unterschiedlichen Disziplinen und Professionen in vier thematische Blöcke: beginnend mit einer Standortbestimmung über die Weiterbildung zur Praxisanleitung bzw. Perspektiven von Auszubildenden und Praxisanleiter:innen auf Praxisanleitung schließt dieses Buch mit einem interessanten Kapitel zum Umgang mit ausgewählten Herausforderungen in der Praxisanleitung.

Dabei ist „Praxisanleitung in den Gesundheitsberufen“ weder Handlungsleitfaden noch Lehrbuch für (angehende) Praxisanleiter:innen – es beleuchtet Praxisanleitung auf einer Meta-Ebene. Hierzu bündelt das Buch hochaktuelles Wissen zu den verschiedenen Rahmenbedingungen, unter denen Praxisanleitung stattfindet und hilft diese einzuordnen, sei es vor dem Hintergrund der generalistischen Pflegeausbildung oder der zunehmenden Akademisierung der Gesundheits- und Therapieberufe und schafft genau das, was die Herausgeberinnen versprechen: „[…] aktuelle und herausfordernde Tansformationsprozesse in einem berufs- und bildungspolitisch vernachlässigten Handlungsfeld [zu beleuchten]“. 

Beispielhaft seinen zwei Beiträge unter vielen vertiefend erwähnt: Prof. Dr. Ursula Walkenhorst und Dipl.-Berufspäd. (FH) Christine Weßling beleuchten in ihrem Kapitel erstmals umfassend und strukturiert die Rahmenbedingungen, Potenziale und Hürden von Praxisanleitung in Ergo- bzw. Physiotherapie und Logopädie und weisen folgerichtig auf ein ganzes Bündel an Implikationen – auch vor dem Hintergrund der Teil-Akademisierung – für diese Berufsgruppen hin.

In einem weiteren Kapitel geht Dr. Gerlinde Klimasch kurzweilig aber wissenschaftlich nicht minder präzise der wichtigen und hochrelevante Frage nach, ob und wie sich Empathie erlernen lässt bzw. wie Praxisanleiter:innen ihre Auszubildenden bei der Entwicklung professioneller, reflektierter empathischer Kompetenz unterstützen können und bietet den Leser:innen ebenfalls eine ganze Reihe von Empfehlungen zur Umsetzung im Rahmen der praktischen Ausbildung.

Eine klare Leseempfehlung für alle, die sich wissenschaftlich-vertiefend mit Praxisanleitung auseinandersetzen wollen. „Praxisanleitung in den Gesundheitsberufen – Eine Standortbestimmung –  Band 1“ gehört damit in viele Bücherregale von Praxisanleiter:innen ebenso wie von Lehrkräften an Berufsfachschulen, Studierenden und Weiterbildungsteilnehmer:innen sowie Führungskräften, Ausbildungsverantwortlichen und Entscheidungsträger:innen.

Eine Rezension von Prof. Dr. Patrick Ristau