Elena Henseler

(Young academics – Perspektiven auf Pflege, Band 5)
Tectum Verlag, Baden-Baden, 2025, Broschur, 151 Seiten, 39,90 €, ISBN 978-3-689-00416-3

In ihrem Buch „Historisch-politische Bildung in der Pflege“ stellt die Gesundheits- und Pflegepädagogin (M.A.) Elena Henseler, die sich mit der Thematik bereits während ihrer Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin beziehungsweise einem damit verbundenen Besuch in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem (Israel) beschäftigte, ein Lehr-Lern-Konzept zur NS-„Euthanasie“ vor. Die Veröffentlichung, bei der es sich um ihre der Technischen Hochschule Deggendorf vorgelegten Masterarbeit handelt, erscheint als Band 5 der von Prof. Dr. Sabine Ursula Nover (Professur für Pflegewissenschaft mit dem Schwerpunkt Akut- und Langzeitpflege an der Universität Koblenz), Prof. Dr. Renate Stemmer (Professur für Pflegewissenschaft und Pflegemanagement an der Katholischen Fachhochschule Mainz) und Prof. Dr. Michael Bossle (Professor für Pflegepädagogik an der Technischen Hochschule Deggendorf) herausgegebenen Reihe „Young academics – Perspektiven auf Pflege“.

Ausgehend von der Tatsache, dass sich während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft (1933-1945) auch Pflegende aktiv an der NS-„Euthanasie“ beteiligten, leitet die Autorin, die derzeit zum Team der „Schule für Pflegeberufe des Katholischen Klinikums Koblenz – Montabaur“ (https://www.bildungscampus-koblenz.de/bick/ansprechpartner/personen/Henseler-Elena.php) gehört, aus den Aussagen von Zeug:innen in der Hadamar-Hauptprozessakte von 1947 Lernanlässe ab und entwickelt daraus – vorrangig am außerschulischen Lernort Gedenkstätte Hadamar (im hessischen Landkreis Limburg-Weilburg gelegen) – ein Lehr-Lern-Konzept für die generalistische Pflegeausbildung. Dabei sollen die Pflegeauszubildenden, anstatt die moralische Verurteilung der damaligen Taten in den Mittelpunkt zu stellen, anhand von diesem Konzept lernen, Bezüge aus der Geschichte zur eigenen beruflichen, persönlichen und gesellschaftlichen Verantwortung herzustellen. Historisch-politische Bildung dient hierbei als Werkzeug, um eine professionelle, ethisch verantwortungsvolle Haltung zu entwickeln und die politische Willensbildung im Pflegeberuf zu stärken.

Das Buch zeigt einen klaren Aufbau. Nach einem Vorwort (S. V-VII) von Michael Bossle stellt Elena Henseler im Anschluss an ihre Einleitung zu „Relevanz und Hinführung zum Thema“ (S. 1-5) den „Bildungstheoretischen Hintergrund“ (S. 9-27) vor, wobei sie sich insbesondere mit den Bildungszielen und der Gestaltung des Lernens und Lehrens in der beruflichen Bildung sowie mit der Relevanz der politischen Bildung in der generalistischen Pflegebildung auseinandersetzt. Im anschließenden Kapitel „Forschungsstand und Aufarbeitung“ (S. 29-46) nimmt die Autorin zunächst pflegepädagogische Angebote der historisch-politischen Bildung am Beispiel der NS-„Euthanasie“ innerhalb der Gedenkstättenpädagogik in den Blick, bevor sie den Lerngegenstand „Die Krankenmorde im Nationalsozialismus“ und die „Krankenpflege im Nationalsozialismus“ näher betrachtet. An die Hinweise zum „empirischen Forschungsvorgehen und der Methodik“ (S. 47-53) schließt sie ihre „Ergebnisse“ (S. 55-113) an, aufgeteilt in Erkenntnisse aus der Archivrecherche am Lern- und Gedenkort Hadamar, die Gedenkstätte Hadamar als pflegespezifischer Lern- und Gedenkort, Ablaufschema des Durchführungstages des Lehr-Lern-Konzeptes am außerschulischen Lern- und Gedenkort Hadamar sowie weitere Anregungen zur didaktisch-methodischen Umsetzung. Nach der inhaltlichen und methodischen „Diskussion“ (S. 115-130) gibt es einen „Ausblick“ (S. 131-133) mit Implikationen für die Praxis und Wissenschaft sowie das „Fazit“ (S. 135-136).

In seinem Vorwort weist Michael Bossle auf die systematische Ermordung psychisch erkrankter Menschen in insgesamt sechs Tötungsanstalten während der NS-Zeit hin, wobei diesem, auch als „T4-Aktion“ bekannten Massenmord mehr als 70.000 Menschen zum Opfer fielen. Zu den Täterinnen und Tätern der Tötungsanstalt Hadamar, in der zwischen dem 13. Januar 1941 und dem 21. August 1941 über 10.000 Menschen mit Kohlenmonoxidgas getötet wurden, gehörten neben den Ärzten auch Pflegepersonen, die die ihnen anvertrauten Menschen getäuscht, bei der Ermordung assistiert und damit proaktiv mitwirkten. Gedenkstätten wie Hadamar seien aus diesem Grund in der Gegenwart ein wichtiger Bezugspunkt für Pflegebildung. Mit der vorliegenden „imponierenden Arbeit“ habe Elena Henseler „einen Meilenstein für pflegepädagogische Lernangebote in Verbindung mit dem Lernort Gedenkstätte Hadamar“ vorgelegt. Dabei analysiere sie, welche Lernanlässe im Zusammenhang mit historisch-politischer Bildung für die generalistische Pflegeausbildung exemplarisch sind, um darauf aufbauend plausibel, verständlich und inhaltlich markant ein entsprechendes Lehr-Lern-Konzept zu entwerfen. Zur Bedeutung und Intention der Veröffentlichung hält Michael Bossle sodann wörtlich fest: „Elena Henseler gelingt eine herausragende Masterthesis, die durch Umfang, Theoriestärke und pädagogische Plausibilität besticht. Mit ihrer Arbeit schließt sie für das Kapitel NS-Euthanasie und Pflegeausbildung eine wichtige regionale Lücke. In der Erarbeitung konsequent, sprachlich eloquent und lesefreundlich, bereitet Frau Henseler aus pflegepädagogischer Sicht ein geschichtliches Thema auf, das insbesondere bei tabuisierten und / oder ethischen Lernanlässen für die Ausbildung oder Studium bestens geeignet und nutzbar ist“ (S. VII).

Vor dem Hintergrund der gezielten Auswahl und Ermordung von Menschen mit Behinderungen und chronischen Krankheiten während der Zeit des Nationalsozialismus, macht die Autorin in ihrer Einleitung darauf aufmerksam, dass eine Auseinandersetzung mit der Pflegegeschichte, insbesondere mit dem Kapitel der NS-‚Euthanasie’, ein unerlässlicher Bestandteil der historisch-politischen Bildung angehender Pflegefachpersonen ist. Diese damals durchgeführten Verbrechen gegen die Menschlichkeit müssten im Rahmen der Erinnerungspolitik und Erinnerungskultur verarbeitet werden, um das kritische Denken zu fördern und die Reflexion über diese Zeit und das Bewusstsein für die Gefahren menschenfeindlicher und antidemokratischer Ideologien für die Gegenwart und für die Zukunft zu schärfen. Hierzu schreibt sie wörtlich weiter: „Mit gesicherten Kenntnissen der Vergangenheit können Situationen der Gegenwart nachvollzogen und ein kritisches und wachsames Berufsverständnis gefördert werden. Innerhalb der Pflegeausbildung ist es besonders wichtig, die Auszubildenden die Geschichte erfahren zu lassen, um ethische und moralische Fragestellungen herauszukristallisieren und um die Relevanz für unser heutiges demokratisches Zusammenleben zu
beleuchten“ (S. 2).

Dementsprechend möchte Elena Henseler mit der vorliegenden, insbesondere an Pädagogen und Pädagoginnen im Gesundheits- und Pflegebereich gerichtete Studie „einen Beitrag zur Weiterentwicklung der Pflegepädagogik in Bezug auf politische Bildung am Beispiel der Mordpolitik im Rahmen der NS-‚Euthanasie’ ermöglichen und aufzeigen, wie dies in der praktischen Arbeit umgesetzt werden kann, um Auszubildende in ihrer politischen Willensbildung und ihrer Meinungsbildung zu stärken“ (S. 4). Zudem möchte sie dazu beitragen, das demokratische Miteinander unserer freien und offenen Gesellschaft zu schützen und zu stärken.

Im ersten Kapitel stellt die Autorin das Forschungsziel und die Forschungsfrage vor. Demnach möchte sie „aufzeigen, wie historisch-politische Bildung am Beispiel des Lerngegenstandes ‚Krankenmorde während der NS-Zeit’, innerhalb der generalistischen Pflegeausbildung stattfinden kann.“ Dies soll vorrangig am außerschulischen Lernort Gedenkstätte Hadamar umgesetzt werden, „um im Rahmen einer kritischen Betrachtung der Pflegegeschichte der NS-‚Euthanasie‘, eine politische Willensbildung durch Reflexion anzubahnen und eine Haltungsbildung im Pflegekontext und eingebettet im Gesundheitssystem zu erreichen“ (S. 7).

Im Mittelpunkt des zweiten Kapitels stehen bildungstheoretische Grundlagen, wobei Elena Henseler einen Überblick über die Bildungsziele in der Berufsbildung in Deutschland, der Pflegeausbildung und der Relevanz von politischer Bildung gibt. Davon ausgehend, dass sich der Pflegeberuf politisch fremdbestimmen lässt, sollten „Lernende bereits während der Ausbildung für politische Themen sensibilisiert werden, um Voraussetzungen für die Mündigkeit und Urteilsfähigkeit zu schaffen, um eine politische Willensbildung anzuregen und so dem Phänomen einer weiter um sich greifenden politischen Lethargie der Pflegeberufe entgegenzuwirken“ (S. 20). Im Hinblick auf die Gedenkstättenpädagogik sollte demnach eine Annäherung nicht nur in „historischer, sondern explizit (in) historisch-politischer Bildung stattfinden“ (S. 26).

Der im dritten Kapitel vorgestellte Forschungsstand zur vorliegenden Untersuchung basiert auf einer systematischen Literaturrecherche mit deren Hilfe die Autorin zeigt, dass die Pflegenden in der NS-Zeit „einen aktiven Anteil an der Ermordung von hunderttausenden Kindern, Erwachsenen und alten Menschen“ (S. 45) hatten. Warum bei ihrer Recherche allerdings die Fachzeitschrift „Geschichte der Pflege. Das wissenschaftliche Journal für historische Forschung der Pflegeberufe und der nicht-ärztlichen Berufe“ (seit 2021 „Geschichte der Gesundheitsberufe. Das Journal für historische Forschung der Pflege- und Gesundheitsberufe“, seit 2-2022 mit dem geänderten Untertitel: „Historisches Fachmagazin für Pflege- und Gesundheitsberufe“) unberücksichtigt blieb ist einstweilen ebenso unklar wie die Frage, warum nicht auf die bereits seit geraumer Zeit vorliegenden Biographien der in der Arbeit erwähnten „Täter:innen“ – namentlich Irmgard Huber (1901-1974), Margarete Borkowski (1884-1948), Heinrich Ruoff (1887-1946), Karl Willig (1894-1946) und Paul Reuter (1907-1995) – im (bislang im Umfang von elf Bänden vorliegenden) „Biographischen Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in nursing history“ (1997-2025) hingewiesen wird.

Im vierten Kapitel erläutert Elena Henseler ihr empirische Forschungsvorgehen und ihre methodische Vorgehensweise. Demnach stellen die Akten der Landesheilanstalt Hadamar, die im Landeswohlfahrtsverband Hessen erfasst sind, die relevantesten Quellen ihrer Arbeit dar. Neben Kranken- und Personalakten seien auch die Hadamar-Prozessakten (von 1947), die im Hessischen Landesarchiv (Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden) hinterlegt sind, eine weitere wichtige Quelle. Insgesamt habe sie aus „357 Elementen an Krankenakten, aus 403 Elementen an Personalakten und aus 2.394 Seiten der Hadamar-Prozessaussagen, relevante Inhalte analysieren, aussuchen und in Kategorien einordnen“ (S. 49) können.

Innerhalb des fünften Kapitels, das mit Abstand am umfangreichsten ist, zeigt und erläutert die Autorin die Erkenntnisse aus der Archivrecherche und insbesondere die abgeleiteten Kategorien aus der Dokumentenanalyse im Rahmen des Lehr-Lern-Konzeptes mit den vorliegenden Handlungsempfehlungen. Im Fokus stehen dabei die beiden Krankenpflegerinnen Irmgard Huber und Pauline Kneissler, die beiden Mediziner Adolf Wahlmann und Hans Bodo Gorgaß sowie der zu pflegende Mensch August Ernst Putzki. Darauf aufbauend stellt sie die Gedenkstätte Hadamar als pflegespezifischer Lern- und Gedenkort vor, ebenso wie das Ablaufschema des Durchführungstages ihres Lehr-Lern-Konzeptes am außerschulischen Lern- und Gedenkort Hadamar.

Das sechste Kapitel bietet eine inhaltliche und methodische Diskussion der Ergebnisse. Wie Elena Henseler dabei darlegt, sind die abgeleiteten Lernanlässe anhand der qualitativen Inhaltsanalyse im Rahmen der Pflegeausbildung von großer Bedeutung. Pflegeauszubildende könnten anhand der Vergangenheit der Kolleg:innen von vor zirka 85 Jahren „lernen, die Herausforderungen im Alltag zu erkennen und zu bewältigen, und für die Menschenrechte der zu pflegenden Personen eintreten“ (S. 118). Hinzu käme das Entwickeln von Strategien, um moralisch bedenkliche Verstöße zu identifizieren und zu verhindern. In diesem Zusammenhang spricht sie sich „klar und deutlich dafür aus“, den Besuch einer NS-„Euthanasie“ Gedenkstätte“ während der Ausbildung fest im Lehrplan zu verankern, „insoweit der Besuch pädagogisch und professionell organisiert wird und die Umsetzung eine klare Struktur aufweist“ (S. 121).

Im siebten Kapitel gibt die Autorin einen Ausblick mit Implikationen für die Praxis und Wissenschaft. Demnach sei es im Hinblick auf die pflegepädagogische Praxis „notwendig, weitere Konzepte zur historisch-politischen Bildung zu entwickeln und praktisch durchzuführen“ (S. 131). Die Relevanz in den gesetzlichen Grundlagen der Pflegeausbildung sei gegeben, indem Begriffe wie Macht und Ohnmacht, Spannungsfelder und Verantwortung in den Rahmenlehrplänen zu identifizieren sind. Die Integration von weiteren Lehr-Lernangeboten in die Pflegepraxis könnte dazu führen, so Elena Henseler, „dass die Lernenden neben dem Wissen ihrer Berufsgeschichte eine ethische Reflexionskompetenz erlangen, für politische Themen sensibilisiert werden und für die Fürsorge von Menschen und deren Menschenrechte eintreten“ (S. 132). Im Hinblick auf die Wissenschaft schlägt die Autorin vor, das vorliegende Lehr-Lernangebot auf Stärken und Limitationen beispielsweise in Gruppendiskussionen zu betrachten, um dieses mit weiteren Fachpersonen zu evaluieren. Zudem könne es notwendig sein, weitere Untersuchungen in Bezug auf die Lehrpersonen in der Gedenkstättenpädagogik zu tätigen.

In ihrem im achten Kapitel gezogenen Fazit betont die Autorin, dass die NS-„Euthanasie“ als Lerngegenstand in der Pflege „eine enorme und tief um sich greifende ethische und moralische Dimension aufzeigt, die bis heute von Relevanz ist“ (S. 135). Durch das bewusste Erinnern und die Auseinandersetzung mit der Pflegegeschichte könnten Pflegeauszubildende ein umfassendes Wissen und Verständnis für ethische Entscheidungen erfahren und daran ableitend ihre eigene Meinungsbildung fördern: „Das entwickelte Lehr-Lern-Konzept bindet historische Lernanlässe an theorie- und praxisrelevante Inhalte der Pflegeausbildung und nutzt didaktisch und pädagogisch ausgewählte Methoden, um eine aktive Einbindung von Auszubildenden in den Lernprozess zu schaffen und um implizites Lernen zu ermöglichen.“ Insgesamt zeige die Arbeit auf, „dass die Integration der Ergebnisse aus den Prozessakten gewinnbringend sein kann, um eine gestärkte politische Urteilsbildung von Auszubildenden und ein verantwortungsbewusstes pflegerisches Handeln im interprofessionellen Team anzustreben“ (S. 136).

Während Arbeiten über die Rolle des Krankenpflegepersonals während der NS-Zeit und seine Beteiligung an der NS-„Euthanasie“ schon länger vorliegen, gab es bislang kein Konzept, das die Ereignisse von damals mit (aktuellen) Fragen des beruflichen Selbstverständnisses, der persönlichen Verantwortung und professionellen Haltung in einen Zusammenhang brachte. Dieses Desiderat aufgreifend stellt Elena Henseler mit ihrem Buch „Historisch-politische Bildung in der Pflege“ ein „Lehr-Lern-Konzept“ vor, in dem sie am Beispiel des Lernorts Gedenkstätte Hadamar aufzeigt, wie historisches Lernen, ethische Reflexion und pflegepädagogische Praxis miteinander verknüpft werden können. Ihre Studie schließt dabei an Arbeiten von Michael Bossle und Irene Zauner-Leitner an, die vor gut 15 Jahren gemeinsam das Lernprogramm „BerufsbildMenschenbild“ für Pflegeberufe entwickelten, das Besuche von Besuchergruppen aus der Pflege am Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim in Oberösterreich (wie Hadamar eine Vernichtungsanstalt im Nationalsozialismus) vertieft.

Das Thema nachhaltig in Lernprozesse der Pflegeausbildung zu integrieren ist dabei umso notwendiger, als unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung beziehungsweise unser gesellschaftliches Zusammenleben aktuellen Bedrohungen ausgesetzt ist, indem antisemitische und menschenfeindliche Vorurteile und Handlungen scheinbar immer gesellschaftsfähiger werden. Nicht zuletzt deshalb bleibt zu hoffen, dass die vorliegende Veröffentlichung weite Verbreitung findet und mit dazu beiträgt, dass Lehrende sich stärker wie bisher mit der Thematik befassen und dabei die Gedenkstätten als außerschulische Lernorte mitberücksichtigen.

Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling

Dorit van Meel, Petra Hagen Hodgson, Roswitha Wolf (Hrsg.)

hogrefe Verlag, Bern, 1. Auflage 2026, 232 Seiten, 48,00 € (Print) / 42,99€ (E-Book), ISBN 978-3-456-86300-9 (Print) /978-3-456-96300-6 (E-Book)

Mit dem Lehr- und Praxishandbuch Green Care legen Dorit van Meel, Petra Hagen Hodgson und Roswitha Wolf ein Übersichtswerk vor, das sich einem zunehmend diskutierten Ansatz an der Schnittstelle von Natur, Gesundheit und sozialer Arbeit widmet. Green Care beschreibt die gezielte Nutzung natürlicher Umgebungen, von Pflanzen, Tieren und Landschaften zur Förderung von Gesundheit, Wohlbefinden und sozialer Teilhabe. Der Anspruch des Buches ist entsprechend breit angelegt: Es richtet sich gleichermaßen an Fachpersonen aus Grünberufen wie an Gesundheits- und Sozialberufe und versteht sich als interdisziplinäres Lehr- und Praxishandbuch.

Der Aufbau des Buches folgt einer klaren und einfachen Grundstruktur. In einem einleitenden Teil werden zunächst zentrale Begriffe und konzeptionelle Grundlagen des Green-Care-Ansatzes erläutert. Dazu gehören neben definitorischen Fragen auch anthropologische Überlegungen zur Beziehung zwischen Mensch und Natur sowie eine kurze historische Einordnung der Entwicklung entsprechender Ansätze. Ergänzend wird skizziert, welche Rolle natürliche Umgebungen für Gesundheit und Wohlbefinden spielen können. Dieser theoretische Teil ist bewusst kompakt gehalten und umfasst etwa ein Viertel des Gesamtumfangs.

Der deutlich größere Teil des Buches widmet sich praxisnahen Beispielen aus unterschiedlichen Arbeitsfeldern. Hier zeigt sich der Charakter des Werkes als Praxishandbuch besonders deutlich. Die Beiträge reichen von der Darstellung sozialer Landwirtschaft und Care Farming über Waldtherapie und Gartenpädagogik bis hin zu tiergestützten Interventionen mit unterschiedlichen Tierarten. Auch spezifische Anwendungsfelder werden aufgegriffen, etwa im psychiatrischen Kontext oder in klinischen Einrichtungen. In einigen Beiträgen wird beispielsweise beschrieben, wie naturbezogene Interventionen auch in hochspezialisierten Settings – etwa im intensivmedizinischen Umfeld – eingesetzt werden können.

Die einzelnen Beiträge sind sehr unterschiedlich gestaltet. Einige Kapitel sind ausführlich und stark textorientiert, andere arbeiten stärker mit Bildern und kurzen erläuternden Texten. Diese Vielfalt spiegelt einerseits die unterschiedlichen Perspektiven der Autorinnen und Autoren wider, führt andererseits aber auch zu einer gewissen Heterogenität im Aufbau der Kapitel. Gleichwohl gelingt es insgesamt, einen nachvollziehbaren Zusammenhang zwischen den zuvor dargestellten Grundprinzipien von Green Care und deren praktischer Umsetzung herzustellen. Dabei unterstützt auch die einheitliche Vorgabe für die Struktur der Praxis-Kapitel.

Ein auffälliger Aspekt des Buches ist die starke Präsenz von Beispielen aus der Schweiz und aus Österreich. Projekte aus Deutschland sind vergleichsweise selten vertreten. Dieser Umstand wird im Buch jedoch nachvollziehbar eingeordnet. Alle drei Herausgeberinnen arbeiten in der Schweiz und in den einführenden Beiträgen wird deutlich gemacht, dass Green-Care-Ansätze insbesondere im deutschsprachigen Raum außerhalb Deutschlands bereits stärker institutionell verankert sind, während entsprechende Strukturen in Deutschland noch weniger ausgeprägt sind.

Aus der Perspektive des Rezensenten – der aus dem Gesundheitswesen und der pädagogischen Arbeit stammt, jedoch nicht unmittelbar aus der Naturpädagogik – lässt sich vor allem die Anschlussfähigkeit des Ansatzes an Gesundheits- und Pflegeberufe beurteilen. Gerade hier bietet das Buch einen interessanten Einblick in mögliche Erweiterungen gesundheitsbezogener Praxis. Auch wenn eine detaillierte fachliche Bewertung einzelner naturpädagogischer Konzepte aus dieser Perspektive nur eingeschränkt möglich ist, wird beim Lesen deutlich, wie konsequent viele der vorgestellten Projekte versuchen, die grundlegenden Prinzipien von Green Care in konkrete Praxisformen zu übersetzen.

Insgesamt vermittelt das Buch einen breiten Überblick über unterschiedliche Arbeitsfelder und zeigt anschaulich, wie vielfältig der Einsatz von Naturbezügen in gesundheitsfördernden und therapeutischen Kontexten gestaltet werden kann. Gerade für Leserinnen und Leser, die sich bislang nur wenig mit dem Thema Green Care beschäftigt haben, bietet das Werk eine gut zugängliche Einführung und zahlreiche praxisnahe Beispiele.

Fazit:
Green Care – Lehr- und Praxishandbuch für Grün- und Gesundheitsberufe ist ein umfangreiches Sammelwerk, das einen breiten Einblick in ein interdisziplinäres und zunehmend relevantes Arbeitsfeld bietet. Während der theoretische Teil bewusst kompakt gehalten ist, liegt die Stärke des Buches eindeutig in der Vielfalt der dargestellten Praxisbeispiele. Für Fachpersonen aus Gesundheits-, Sozial- und Grünberufen, die sich erstmals mit Green-Care-Ansätzen auseinandersetzen möchten oder Anregungen für eigene Projekte suchen, stellt das Buch eine wertvolle Orientierung dar. Leser*innen aus dem akutstationär-somatischen Bereich sollten allerdings nicht zu viel Erwartungen für den eigenen Arbeitsbereich haben, da hier diese Prinzipien nur recht eingeschränkt möglich sind.

Eine Rezension von Simon Ludwig-Pricha

Hans-Peter Herrmann (Hrsg.)

Springer Verlag, Heidelberg 2024, 122 Seiten. 42,99 € (eBook), eBook ISBN978-3-662-69949-2, 24,99 € (Softcover-Buch), Softcover ISBN978-3-662-69948-5

Der Leipziger Herausgeber Hans-Peter Herrmann legt für eine berufspädagogisch befähigte, spezialisierte Berufsgruppe von Praxisanleiter*innen im Gesundheitswesen sein Autorenwerk vor. In diesem skizziert er, gemeinsam mit weiteren Autor*innen, die Herausforderungen für berufspädagogisch zusatzqualifizierte Praxisanleiter*innen als Fachpersonen im Gesundheitswesen, die für die Umsetzung von Gesetzesvorgaben in der beruflichen Praxis verantwortlich sind. Als berufspädagogische Herausforderungen werden Führung, Problemerkennung, Leistungseinschätzung und -bewertung sowie Prüfungssituationen ausführlich aufgenommen. Nicht aufgenommen werden die Differenzierungen zu den Berufen aus dem Titel Pflege- und Gesundheitsberufe. 

Der Bezug von Hans-Peter Herrmann zum Titel des Werkes sind bedauerlicherweise im Werk selbst nicht erkennbar bzw. ohne Angaben. Online lassen sich einige biografische Punkte herleiten, die wichtige Grundlagen für das Autorenwerk sind. Darunter das Lehrer- und Erzieherstudium sowie das Studium der Philosophie, Rechtswissenschaften, Psychologie in Leipzig. 

Psychologie für Praxisanleiter in Pflege- und Gesundheitsberufen. Auszubildende besser führen.“ beruht in seinen fünf Kapiteln auf der Darstellung von  Voraussetzungen guter Führung und Selbstführung, zeigt den Umgang mit Persönlichkeit und Konflikten auf, weist das Feld der Leistungseinschätzung und Leistungsbeurteilung aus und ermöglicht den Einblick in die besonderen Herausforderungen von Prüfungssituationen. Abschließend stellt der Autor für die resiliente Praxisanleiter*in oder Führungskraft vielfältige Empfehlungen für den eigenen Umgang mit berufspädagogischen Herausforderungen dar. Die am Ende aufgeführte Literatur zeigt im Wesentlichen auf verschiedene Standardwerke der psychologischen Fachbereiche aus den letzten 20 Jahren und ein Kurzlehrbuch Pflegeberufe von 2008.  

Neu in Hermanns Titel ist, dass ein nicht im Berufsbereich Pflege- und Gesundheitsberufe tätiger Experte für Psychologie und Tourismus sich der Aufgabe annahm, den berufspädagogisch tätigen Expert*innen im Pflege- und Gesundheitswesen eine übersichtlich strukturierte,  wissenschaftlich fundierte Literatur zur Verfügung zu stellen, die den theoretischen Realitäten in Praxisanleitungs- und Praxisbegleitungssituationen entspricht. Die Transferleistungen bleiben bei den Leser*innen, da keine Best Practise Beispiele aufgeführt werden. Neu ist ebenso, dass die psychologischen Wissensbestände der Sozialpsychologie, der Entwicklungspsychologie, der Pädagogischen Psychologie, der Klinischen Psychologie aufbereitet und kapitelweise zusammengeführt dargestellt werden. Damit ist den Leser*innen ein solider Überblick aus den einzelnen Fachbereichen möglich, ohne selbst mehrere Standardwerke zu lesen. Ein großer Nutzen für Führungskräfte besteht darin, dass ihnen eine gebündelte, klare Übersicht über die tatsächlich informellen Aufgaben zur Verfügung steht, die mit der berufspädagogischen Verantwortung von Praxisanleitung zusammenstehen und einen erheblichen Zeitrahmen innerhalb der Arbeitszeit einnehmen. Somit kann dem häufigen Gesetzestext – 10% bis 15% der praktischen Ausbildungszeit in Gesundheitsfachberufen beträgt die Praxisanleitungszeit – eine neue Reflexionsebene gegeben werden. Viele Inhalte des Werkes sollten standardisierte Inhalte in den 300 Stunden berufspädagogische Zusatzqualifikation für Praxisanleiter*innen sein. Dozent*innen und Lehrende haben mit dem Werk eine gebündelte, strukturierte Übersicht für zu vermittelnde Themen. Praxisanleiter*innen können die theoretisch dargestellten Inhalte als Reflexionsgrundlage für ihre eigene Rollenbildung und Haltungsarbeit nutzen. Vermutlich waren dies auch Ziele des Autorenwerkes. Leider ist dies nicht sicher bestimmbar, da hierzu im Werk keine Angaben vorliegen.

Die im Autorenwerk aufgeführten theoretischen Inhalte sind für alle Fachpersonen  der Sozial- und Gesundheitsberufe elementar, die als Mentor*innen oder Praxisanleiter*innen oder als Bezugspersonen für Auszubildende oder Schüler*innen agieren. Die Ansprechbarkeit dieser Fachpersonen mit dem gewählten Layout insgesamt, aber insbesondere mit dem von Eigendarstellungen (Seite 3, 40 usw.) oder den fehlenden Übergängen (Seite 26) oder den fehlenden Best Practice Beispielen (Seite 25) oder fehlenden grafischen Gestaltungen lässt sich oft nur schwer herstellen.

Vergleicht man „Psychologie für Praxisanleiter in Pflege- und Gesundheitsberufen“ mit einem Standardwerk der Pflegeausbildung „Psychologie für Pflegeberufe“ (Ekert; Ekert. 2019)  fallen im Standardwerk die ansprechenden grafischen Gestaltungen sofort ins Auge. Wichtig wäre in einer Einleitung die kritische Betrachtung und Aufschlüsselung der Berufe aus der Titelüberschrift Pflege- und Gesundheitsberufe. Zu den Gesundheitsberufen gehören alle akademischen Gesundheitsberufe und alle Gesundheitsfachberufe, zu denen insbesondere die Ausbildung der Pflegefachpersonen zählt. Häufig werden Titelüberschriften genutzt, ohne klar darzustellen, welche Berufe oder welche Ausbildung sich dahinter verbergen. Das wäre eine wichtige Grundlage für die theoretische Übersicht im Werk gewesen. Eine kritische Entscheidung wäre dann möglicherweise Sozial- und Gesundheitsberufe oder Gesundheits- und Gesundheitsfachberufe.    

Psychologie für Praxisanleiter in Pflege- und Gesundheitsberufen“ ist empfehlenswert für Lehrende und Dozent*innen in allen Gesundheits- und Sozialberufen, die die berufspädagogischen Zusatzqualifikationen verantworten sowie für die berufspädagogisch zusatzqualifizierten Praxisanleiter*innen selbst, um den eigenen Reflexions- und Haltungsprozess im Lehr-Lernkontext wirksam zu gestalten und mit eigenen Best Practice Beispielen zu antizipieren.

Eine Rezension von Manuela Heyn,
Diplommedizinpädagogin, M.A. Leitung, Bildung, Diversität ,
Fachpflege Anästhesie und Intensivpflege,
Schulleitung Anästhesietechnische und Operationstechnische Assistenz