Matthias Leufgen
Von der Pflege zur Gesundheitspflege
Perspektivenwechsel in Theorie und Praxis
Jacobs Verlag, Lage, 2012, 323 S., 24,90 €, ISBN 978-3-89918-208-8
Eine Rezension von Martin Braun, M.A., Dipl.-Pflegew. (FH)
„Gesundheit ist, wenn ich nur abends ins Bett muss“ (26).
Die berufliche Pflege in Deutschland befindet sich derzeit im Widerspruch: einerseits nachholende Professionalisierung, andererseits organisatorischer Schwäche, die eine Ausstattung mit den notwendigen Ressourcen verhindert. Dieser Befund liegt auch Matthias Leufgens Ausführungen zugrunde - die Pflege ist fremdbestimmt und hat keinen autonomen Tätigkeitsbereich. Die Arbeitsbedingungen sind schlecht, die Bezahlung ebenso.
Die vielfältigen Ansätze einer theoretischen Entwicklung auch im Rahmen der Akademisierung sieht Leufgen jedoch ebenfalls überwiegend kritisch: Der Pflege fehle ein professionelles Kernverständnis, das in einer grundlegenden Gesundheitsorientierung bestehen müsste. Stattdessen stehen für traditionell ausgebildete wie für Pflegende mit Hochschulstudium Medizin und Krankheit im Vordergrund. Leufgen strebt dagegen einen Perspektivwechsel zu einer Gesundheitspflege und -wissenschaft an. Mit seinem Buch verfolgt er kein geringeres Ziel als „die Entwicklung eines begründeten Konzepts der Gesundheitspflege“ (17). Von Pflege möchte der Berufspädagoge gar nicht mehr sprechen; nur durch die konsequente Umbenennung in Gesundheitspflege könne die Berufsbezeichnung mit Inhalt gefüllt werden.
Dabei wäre ein weiter Gesundheitsbegriff zugrunde zu legen, der angelehnt an die WHO-Definition die subjektive Komponente des Wohlbefindens sowie die soziale Dimension von Gesundheit in den Fokus rückt. Darüber hinaus betont Leufgen den Prozesscharakter von Gesundheit: Der Mensch bewege sich (angelehnt an Antonovskys Konzepts der Salutogenese) auf einem Kontinuum von Gesundheit und Krankheit. Pflege müsse sich mit beiden Polen befassen und – als Gesundheitspflege - den Blick primär auf die gesunden Anteile richten. Der Gesundheitspflegende strebt dabei nicht in erster Linie Therapie an, sondern die Stärkung von Ressourcen.
Den widrigen Ausgangsbedingungen zum Trotz gibt es Chancen für eine Herausbildung der Gesundheitspflege. Gesundheitssoziologisch sind sie begründet in der Zunahme von chronischen Krankheiten und Pflegebedürftigkeit, die einen wachsenden Bedarf an Beratung und Begleitung nach sich ziehen. Dem Klienten entsteht durch die Gesundheitspflege der Vorteil, dass er partizipiert, „weil er den Weg des Prozesses bestimmt“ (52).
Sein eigenes „Prozessmodell der Gesundheitspflege“ (63) entwickelt Leufgen aus den Ansätzen von Fiechter/ Meier, Antonovsky und Krohwinkel. Deren ABEDL-Modell sieht er als geeigneten Anknüpfungspunkt für Gesundheits(prozess)pflege: Der Klient entscheidet selbst, „welche Lebensbereiche zu ermöglichen sind“ (62). Der Gesundheitspflegeprozess als Weiterentwicklung des Pflegeprozesses beinhaltet folgende Schritte
- „Identifikation des Gesundheitspotenzials“ (88) als Grundlage. Ganz im Sinne der geforderten Perspektiverweiterung will Leufgen weg vom Pflegeproblem und hin zum Gesundheitsproblem und -potenzial.
- „Identifikation der Hilfsfrage“ (90) zur Klärung des Unterstützungsbedarfs. Leider ist dieser Schritt nur knapp umrissen und wird daher nicht vollständig klar.
- Die Gesundheitspflegediagnose. Die bekannten Pflegediagnosen möchte Leufgen „in abgeänderter Form“ (90) formulieren, sodass Gesundheitspotenzial und -probleme erkennbar werden. Auch dieser Bestandteil des Gesundheitspflegeprozesses wird jedoch nicht erklärt, sodass unklar bleibt, worin der Unterschied zu den herkömmlichen Pflegeproblemen tatsächlich besteht und wie die Diagnosen aufgebaut sein sollen. Leufgen nennt lediglich als Beispiel für eine Gesundheitspflegediagnose: „Herr Aydogan ist traurig aufgrund des Getrenntseins von seiner Familie“ (183).
- Die Beschlussfassung. In diesem Prozessschritt werden Gesundheitsziele und -pflegemaßnahmen gemeinsam mit dem Klienten formuliert.
- Die Gesundheitspflegeplanung im „dialogischen Prozess“ (93).
- Die Gesundheitspflegeintervention
- Evaluation
- „Abschied aus dem Gesundheitspflegeprozess oder Fortsetzung des Prozesses“ (96).
Bei der Frage, wie sich die Veränderungen in der Praxis wieder finden sollen, nehmen sprachliche Überlegungen eine prominente Rolle ein. Leufgen bemängelt, dass im Pflegealltag unhinterfragt eingebürgerte Begriffe wie Grund- und Behandlungspflege verwendet werden, die der Gesundheitspflege entgegen stehen. Ziel müsse sein, eine einheitliche Sprache der Gesundheitspflege zu entwickeln, die sich dann auch auf die Pflegepraxis auswirken würde. Konkret schlägt Leufgen einige begriffliche Anpassungen vor, die vorhandene Diskurse tatsächlich sinnvoll auflösen könnten:
- Direkte Pflege und indirekte Pflege an Stelle der in betriebswirtschaftlichem Kontext entstandenen Grund- und Behandlungspflege, die eine Auffassung von Pflege als reines Handwerk transportiert.
- Klient an Stelle von Patient - Gesundheitspflegende versteht Leufgen als Anwälte der anvertrauten Menschen. Die Bezeichnung Patient mache den Menschen dagegen zum Objekt sozialer Kontrolle, dies passe nicht zur Beziehungs- und Berührungsebene von Pflege.
- Anrede Frau/ Herr an Stelle von Schwester/ Pfleger – hier schwingt die Frage mit, ob Pflegende als verantwortliche Person gesehen werden wollen oder in einer austauschbaren institutionalisierten Rolle.
Über diese Begriffsanpassungen hinaus stellt Leufgen ganz grundsätzliche fachsprachliche Überlegungen an. Herrsche in der alltäglichen Kommunikation Baby Talk vor, so sei die Fachsprache der Pflege in einen sozialwissenschaftlichen Teil, der in der Theorie eine Rolle spiele, und einen naturwissenschaftlich-medizinischen geteilt. Notwendig seien daher „Schulungen der Sprachsinne“ (112); Gesundheitspflegende zeichnen sich durch aktives Zuhören und ein Eingehen auf das Gehörte aus. Durch das herrschende naturwissenschaftlich-ökonomische Paradigma sieht Leufgen Kommunikations- und Interaktionsleistungen in der gegenwärtigen Pflege auf das Nötigste begrenzt. „Individuelle Gesundheitspflege“ (25) werde durch Informationsweitergaben verhindert, in denen medizinische Diagnosen und medikamentöse Therapie im Vordergrund stünden. Stattdessen müsse eine klientenorientierte Kommunikation ermöglicht werden, die einen tatsächlichen Austausch statt institutionalisierter Kommunikationsmuster erlauben würde. Als Beispiele nennt Leufgen die Gesundheitspflegevisite oder die ethische Fallbesprechung.
Zur Beantwortung der Frage, wie die Pflege zur Gesundheitspflege werden kann, fordert Leufgen einen Kulturwandel hin zu einer Gesundheitspflegekultur. Dazu müsse die Unterordnung unter die Medizin aufgehoben werden und die Pflegenden zur Übernahme eigener Verantwortung für „präventive, prophylaktische, rehabilitative, beratende, gesundheitsfördernde, unterstützende und kooperative Dimensionen“ (160) bereit sein.
Als Voraussetzung sieht Leufgen eine Reform zur Gesundheitspflegebildung. Die gegenwärtige Ansiedlung pflegewissenschaftlicher Studiengänge an Medizinischen Fakultäten gefährde die Herausbildung einer autonomen Gesundheitspflegewissenschaft. Der Autor spricht sich für die Verlagerung einer zu schaffenden generalistischen Erstausbildung an die Hochschulen aus. Eine gesundheitspflegeberufliche Identität wäre herauszubilden, die Fach-, Methoden-, Personal-, Sozial-, Kommunikations- und Personenkompetenz umfasst; Letztere bedeutet etwa die Fähigkeit, sich auf das Gegenüber einzustellen. Erreicht werden könnte diese durch Kompetenzförderung unter Bedingungen einer Handlungsautonomie. Hierzu seien gesetzliche Rahmenbedingungen auszubauen, die auf eine „Trennung zwischen ärztlichen und gesundheitspflegerischen Tätigkeiten“ (261) abzielen. „Damit entfallen Krankheitsorientierung und Krankheit, da sie in den Zuständigkeitsbereich der Ärzte gehören“ (292). Erst unter dieser Prämisse könnten inhaltliche gesundheitspflegerische Konzeptionen wie Gesundheitspflegemodelle und Gesundheitspflegeprozess zu einer eigenen Berufsidentität führen. Diese würde in einem Profil der Gesundheitspflege zum Ausdruck kommen, das
- umfassende Beratungsleistungen
- Gesundheitserziehung „in einer symmetrischen Aktion“ (296)
- Pflege der eigenen Gesundheit und
- berufspolitisches Engagement
beinhaltet. Gesundheitspflegende würden idealerweise nicht mehr in Krankenhäusern und Pflegeheimen arbeiten, sondern in Gesundheitshäusern und -pflegeeinrichtungen.
An der letzten Forderung lässt sich ablesen, dass Leufgen einen sehr weitgehenden und radikalen Ansatz der Abgrenzung zur Medizin verfolgt („da für Krankheiten Mediziner und nicht Pflegende zuständig sind“ (25), der aber inhaltlich nicht sehr gründlich ausgeführt wird. Das Neue besteht vor allem in der sprachlichen Umstellung auf den Wortbestandteil Gesundheit, der mit einem klientenorientierten Ansatz einhergeht. Diese Vision wird in vielen Wendungen wiederholt, man vermisst eine auf den Punkt gebrachte, strukturierte Darstellung - so werden etwa unter der Überschrift „Das Anamnesegespräch“ Pflegekammern und Lehrerausbildung erörtert. Bedauerlich ist auch die entgegen des emanzipatorischen Ansatzes vielfach unpassende, bürokratische Sprache. Die Faszination, die Leufgen mit seinem Anliegen durchaus auslöst, wird leider zunehmend durch sprachliche Unbeholfenheiten und Fehler konterkariert; die Dissertation ist offensichtlich vor der Publikation als Buch allenfalls oberflächlich lektoriert worden. Dessen ungeachtet verdient der Perspektivenwechsel, den sich Leufgen auf die Fahne geschrieben hat, möglichst weite Verbreitung in der sich professionalisierenden Pflege.

