Schilder - Geriatrie

Schilder

Schilder, Michael

Geriatrie

Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart, 2014, 220 S. 26,99 €, ISBN 978-3170226937

Die Geriatrie gewinnt an Bedeutung: Nicht nur angesichts der vielzitierten demografischen Entwicklung, sondern auch weil sich im DRG-System andere Abteilungen mit geriatrischen Behandlungen querfinanzieren lassen. Gegen den allgemeinen Trend werden geriatrische Betten deutschlandweit aufgebaut. Höchste Zeit für die Pflege, Schritt zu halten und ihren wichtigen Anteil an der Arbeit mit alten Menschen deutlich zu machen, aber auch ihr Handeln mit gutem Theorie-und Praxiswissen zu unterfüttern.

Hierzu leistet ein Band der Buchreihe „Pflege fallorientiert lernen und lehren“, einem Kompendium für die Pflegeausbildung aus dem Kohlhammer Verlag, einen wertvollen Beitrag. Gemeinsam ist den 11 Bänden, dass die Besonderheiten des jeweiligen Settings anhand von Musterfällen dargestellt werden. In der formalen Aufbereitung wird viel mit Kästen, Randzusammenfassungen und Piktogrammen gearbeitet. Dadurch kommt der Text sehr übersichtlich und gut strukturiert daher. Die Zielgruppe sind Lernende, und diese werden durch die Aufbereitung des Stoffs in idealer Weise angesprochen: Grundlagenwissen wird vermittelt, ohne die Komplexität des Themas unzulässig zu reduzieren. Die Sprache ist anspruchsvoll, aber sichtlich an der Vermittlung der Inhalte interessiert.

Als Hinführung zu den Fällen, die den Hauptteil des Buchs von Michael Schilder ausmachen, werden auf etwa 30 Seiten die „Basics“ ausgeführt. Hier erfährt man, dass in der Geriatrie besonders komplexe Kompetenzen der Pflegenden gefragt sind. Sie haben es mit chronischen Erkrankungen zu tun, die eine Tendenz zu Progredienz und Instabilität aufweisen. Eine ganzheitliche Perspektive wird in unterschiedlichen Handlungsfeldern von der Akutbehandlung bis zur Rehabilitation benötigt. Geriatrische Pflege ist per se ressourcenorientiert, zu reflektieren sind langfristige Folgen des Outcomes für die verbleibende Lebensqualität des Klienten. Die Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Berufsgruppen ist von eminenter Bedeutung. Pflege kann sich nicht auf eine zuarbeitende Rolle zurückziehen, Professionalität ist gefordert.

Im Abschnitt „Geriatrische Versorgungsstrukturen und Interdisziplinarität“ wird gezeigt, wie vielgestaltig und auch regional deutlich unterschiedlich die geriatrische Versorgung ist, von der ambulanten Prävention bis zur stationären Rehabilitation und darüber hinaus der Nachsorge. Hier wird nachvollziehbar, dass die Pflege nicht nur inhaltlich eine Hauptrolle bei der Sicherung des Therapieerfolgs spielt, sondern auch auf der Ebene der Organisationsstrukturen. Ein geriatrisches Case Management ist zur Koordination der zahlreichen Schnittstellen der „Polyprovider“ erforderlich – vielfach noch eine Leerstelle, die eine interessante und ergiebige Herausforderung für Pflegemanager darstellt.

Ältere Menschen sind keine homogene Gruppe; abseits der normalen altersphysiologischen Veränderungen sind für die Geriatrie die Konzepte Frailty und Vulnerabilität bedeutsam, wobei insbesondere ersteres relativ breit diskutiert wird, da es sich im übergreifenden Feld Multimorbidität am besten eingrenzen lässt. Alterseinschränkungen wirken sich auf den Erhalt der Selbstständigkeit aus, etwa durch Stürze oder erhöhte Anfälligkeit für Krankheiten. Im Abschnitt zum spezifischen Versorgungsbedarf geriatrischer Patienten weist Schilder auch auf die besondere Rolle der Pflegediagnostik hin, „da sie eher die individuellen Ausprägungen von Symptomen als eine statisch medizinische Krankheitseinheit abbildet“ – eine gewinnbringende Perspektive angesichts sehr individueller Konstellationen von multiplen Risikofaktoren, Symptomen, aber auch eingenommener Medikamente mit schwer absehbaren Wechsel- und Nebenwirkungen beim alten Menschen. Angesichts dieser Komplexität wird von Geriatern gern postuliert, ihre Patienten seien „lauter Spezialfälle“ – für den individuellen Blick auf den Patienten sicher hilfreich, jedoch problematisch, wenn das Argument zur Abwehr von Standards und Pfaden genutzt wird. Wertvoll ist in jedem Fall der Hinweis des Autors auf das sozialwissenschaftliche Lebenslage-Konzept, das gerade auch der Pflege Ansatzpunkte zum Verständnis des Krankheitserlebens ihrer Klienten liefert und eine gemeinsame realistische Zielplanung unterstützt.

Der von Schindler gewählte pflegetheoretische Ansatz stützt sich inhaltlich auf das Selbstpflegedefizit-Modell von Dorothea Orem in Verbindung mit der Typologie funktioneller Gesundheitsverhaltensmuster von Marjory Gordon. Als formales Klassifikationssystem wird die ICF als fachübergreifendes und internationales bio-psycho-soziales Modell favorisiert. Dadurch werden die Voraussetzungen für eine theoretisch unterfütterte professionelle Pflege geschaffen, die jenseits reiner Grund- und Behandlungspflege die physischen, psychischen und soziokulturellen Faktoren in den Blick nimmt, die Gesundheit beeinflussen. Dabei steht die individuelle Bedürfnislage und Zieldefinition des Klienten als Akteur seiner eigenen Gesundheit im Mittelpunkt.

Chronische Krankheiten und Pflegebedürftigkeit machen eine langfristige pflegerische Perspektive erforderlich, die sich an der Krankheitsverlaufskurve von Corbin und Strauss orientieren kann. Damit wird deutlich, dass Pflege gerade im Bereich der Geriatrie Hilfs- und Beratungsleistungen zu erbringen hat, die eine Alltagsbewältigung im umfassenden Sinn ermöglichen – von der Prävention bis zur Palliation. Immer folgt sie den Prinzipien Patientenzentriertheit, kompetenzorientierte Aktivierung und Interdisziplinarität.

Am Fall einer Patientin, die sich bei häuslichem Sturz eine Schenkelhalsfraktur zugezogen hat, wird durchdekliniert, welche Faktoren zu ihrer Vulnerabilität geführt haben und worauf die Pflege ihr Augenmerk richten muss. Dabei werden so unterschiedliche Aspekte wie der Einfluss des häuslichen Umfelds und des Katarakts bis hin zur Uninformiertheit der frisch aus dem Urlaub zurückgekehrten Pflegenden, die die Patientin auf unangemessene Weise mobilisiert, alltagsnah besprochen. Ergänzt wird der Lerneffekt durch Darstellungen der juristischen Situation sowie durch Lernaufgaben, die dazu anregen, sich eigenständig mit der Pflegesituation auseinanderzusetzen. Dazu werden in einem Kasten kompakte „Pflegehinweise“ etwa zur Luxationsprophylaxe gegeben und immer wieder auf das Fallbeispiel Bezug genommen. Querbezüge etwa zu Thromboseprophylaxe und Schmerzmanagement werden hergestellt und zur Vollständigkeit auf Teilthemen verwiesen, die im Rahmen anderer Fälle im Buch diskutiert werden.

Die Fallbeispiele sind nach Schwierigkeitsgrad gestaffelt: Der Band enthält jeweils zwei Routinefälle, zwei mit Schwierigkeiten und zwei komplizierte Fälle. Unter anderem geht es bei letzteren um einen muslimischen Patienten mit Herzinsuffizienz, der sich durch seinen Lebensstil vital gefährdet. Hier wird nicht nur auf den soziokulturellen Hintergrund von Arbeitsmigranten eingegangen, sondern auch das Krankheitsverständnis im Islam erhellt. Strategien zur Überwindung der Sprachbarriere werden dargestellt und die Patientenedukation erläutert. Dazu wird jeweils eine Vielzahl weiterführender Literatur genannt. Die Bibliographie enthält mehrere hundert Einträge, ebenso das Stichwortverzeichnis am Ende des Bandes.

Es wird in diesem Band deutlich, wie komplex die Pflege alter Menschen ist und welche hohen Anforderungen an die Fähigkeit der Pflegenden zu stellen sind, unterschiedlichste Lebenszusammenhänge und Gesundheitsrisiken so zu verknüpfen, dass ein praktikabler Pflegeplan den Patienten eine möglichst hohe Lebensqualität ermöglicht. Ausgeführt werden anhand der einzelnen Fallbeispiele als Rollenanteile von Pflegenden u.a. die Gesundheitsfürsprecherin, die interprofessionelle Partnerin und die Managerin. Das Buch gibt den Pflegenden auf knapp 220 Seiten ganz wesentliches Material an die Hand, um die Pflegesituation in diesem Sinne gedanklich zu strukturieren und um strategisch vorzugehen. Die flüssig geschriebene und grafisch abwechslungsreiche Darstellung ermöglicht eine Vermittlung der anspruchsvollen Inhalte an die gesamte Zielgruppe werdender Pflegefachkräfte bis hin zu erfahrenen Pflegeexperten.

Eine Rezension von Martin Braun

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