
Autor/innen:
Susanne Fesl
Bibliographische Daten:
Springer VS, 2026, 298 Seiten, 89,99 €, ISBN 978-3-658-51562-1
Rezensent/in:
Prof. Dr. Elfriede Brinker-Meyendriesch
Einleitung
Mit ihrer Dissertation unterstreicht Susanne Fesl die Notwendigkeit, die Pflegelehrkräftebildung in Österreich empirisch zu erforschen. Im Zentrum steht deren Professionalisierung.
Mit dem Dissertationsprojekt am Lehrstuhl für Erziehungswissenschaft an der Universität Passau geht es der österreichischen Verfasserin darum, eine Forschungslücke in der Pflegepädagogik in Österreich hinsichtlich affektiver und motivationaler Faktoren zu schließen. Pflegepädagogik versteht sich als Lehrkräftebildung für den Sekundar- wie auch den Tertiärbereich (S. 5). Fesl verweist darauf, dass Masterstudiengänge angestrebt werden. Die Begriffe Pflegelehrkraft, Pflegelehrperson und Pflegepädagoge/Pflegepädagogin werden in Österreich weitgehend synonym verwendet.
Zusammenfassung
In das Werk wird zunächst weiträumig eingeführt, was für eine Erforschung dieser Pflegelehrkräftebildung als relevant erachtet wird und woran anzuschließen wäre. Davon ausgehend wird dargelegt, dass eine Forschungslücke für Österreich geschlossen werden muss. Dabei liegt der Fokus auf vorherrschenden Motiven zur Absolvierung dieser Pflegelehrkräftebildung, insbesondere auf den Studien- und Berufswahlmotiven. Eingeschlossen sind Fragen nach impliziten Überzeugungen und Werthaltungen (affektive Faktoren) von derzeitigen Studierenden in Pflegepädagogikstudiengängen, nach selbstregulativen Fähigkeiten und nach Herausforderungen. Dabei werden biografische und profigrafische Aspekte mitberücksichtigt (S. 85–87).
Es werden auch umfänglich Entwicklungstendenzen der Pflegelehrkräftebildung in den Ländern Deutschland und Schweiz sowie deren Konzepte, Theorien und Modelle erläutert und mögliche Anschlussstellen identifiziert.
Sodann liegen Forschungsergebnisse vor, die auf Studien- und Berufswahlmotive, professionelle Überzeugungen und Selbstwirksamkeitsüberzeugungen eingehen. Die profigrafische Entwicklung schließt etwa pädagogische Vorerfahrungen und Role Models ein. Sie zielt auf den „Idealtypus“ Pflegelehrkraft. Auch zum Erleben der angehenden Pflegelehrkräfte liegen Ergebnisse vor. Insgesamt wird dem Studium ein hoher Nutzen zugesprochen (S. 207 ff.), wenngleich eine dem Studium zugrundeliegende Philosophie sowie pflegedidaktische Modelle und Theorien teils vermisst werden. Bezogen auf die Arbeit der Lektor:innen und die Studienqualität wird etwa auf Lernräume für Feedback und zum Üben sowie auf Raum für die praktische Ausbildung verwiesen. Die biografische Reflexion eigener biografischer Lernerfahrungen wird von Fesl herausgehoben. Sie verweist zudem auf eine zukünftig notwendige Wirkungs- und Grundlagenforschung der Pflegepädagogik. Fesl fragt zum Abschluss, ob es bei der Pflegeausbildung auf Sekundarstufe und tertiärer Stufe einer unterschiedlichen Pflegelehrkräftebildung bedarf.
Methodik & Aufbau
Fesl kann sich bei ihrer Forschungsarbeit kaum auf österreichische Vergleichsstudien stützen oder an diese anschließen. Die Forschungslage wird von ihr als „äußerst dünn“ (S. 41) bezeichnet. Neben österreichischen, werden auch Werke aus Deutschland und der Schweiz herangezogen.
In Zusammenarbeit mit „InVerS“ (International Comparative Study on Professionalization of Student Teachers), einer internationalen Vergleichsstudie zur Professionalisierung von angehenden Lehrkräften, wählt Fesl mit einem explorativen und transformativen Forschungsansatz ein Längsschnittdesign mit Messzeitpunkten bei denselben Studierenden (Vollerhebung, n = 230). Das Design kombiniert quantitative FIT-Choice-Befragungen mit leitfadengestützten qualitativen Interviews; die quantitativen Befunde dienen dazu, zusätzliche Informationen zu erhalten und eine Vergleichbarkeit zu erreichen. Die Priorität liegt auf den qualitativen Befunden (S. 91 ff.).
Die Forschungsergebnisse sind detailliert dargestellt, durch zahlreiche Belege fundiert und mit Abbildungen sowie Fallbeispielen illustriert (S. 125–224). Im Diskussionsteil werden alle Dimensionen der Arbeit noch einmal aufgenommen.
Einordnung
Dieses Werk von Susanne Fesl ist der Lehrkräftebildung und ihrer Professionalisierung zuzuordnen. Dieser Zuordnung wird Fesl in hohem Maße gerecht. So verweisen auch Reiber et al. 2015 mit ihrer umfangreichen empirischen Analyse zur Berufseinstiegsphase in die Pflegepädagogik auf einen „dezidiert pflegeübergreifenden Referenzrahmen“, u.a. auf „erziehungswissenschaftliche Diskussionslinien zur Lehrer/-innen-Bildung und Professionalität“ (S. 260).
Lehrkräftebildung weist immer auch nationale Züge auf. Pflegelehrkräftebildung in Österreich und Deutschland sind nicht eins zu eins vergleichbar. Aber auch in Deutschland ist eine Unschärfe des Begriffs „Pflegepädagogik“ anzutreffen. Zudem stehen hier Hochschulen vor der Aufgabe, die Lehrkräftebildung auch für andere Gesundheitsfachberufe einzubeziehen.
Allgemein liegen zum Belastungserleben von Lehrkräften und zu dessen Bewältigung zahlreiche Untersuchungen vor. Dabei wird sich sowohl auf intrinsische als auch extrinsische Berufs- sowie Studienwahlmotive konzentriert. Es wird etwa vermutet, dass ungünstige motivationale Voraussetzungen mit einer reduzierten Investmentbereitschaft einhergehen können (vgl. Schüle et al. 2014). Es gelte, gleich zu Beginn des Studiums Angebote zu schaffen, in denen die Berufswahlmotivation reflektiert werden kann. Auch Rothland (2025) unterscheidet intrinsische Studien- und Berufswahlmotivation und extrinsische, wobei auch beides zugleich auftreten kann. Wenn sich in intrinsischen und altruistischen Motiven ein hoher Idealismus zeige, könne sich aber später Enttäuschung einstellen. Insofern sollte es wohl richtig sein, in der Lehrkräftebildung die Balance zwischen Wünschen und Idealen und der Wirklichkeit im Blick zu haben.
Fazit
Dieses Werk wird in Österreich sicherlich eine Leserschaft finden und sich vielleicht als ein frühes Schlüsselwerk der Pflegepädagogik erweisen. Erstmals liegen für Österreich empirisch fundierte Befunde zur Studien- und Berufswahlmotivation, zu professionellen Überzeugungen und zur Selbstwirksamkeit angehender Pflegelehrkräfte vor.
Die Rezeption dieses Werkes verlangt Konzentration. Das ist seiner Gründlichkeit geschuldet. Das Werk ist umfassend und präzise. Nicht-Österreicher:innen würden eine kleine Einführung in das österreichische Bildungswesen wahrscheinlich begrüßen.
Das Werk dient nicht nur Studieninteressierten, sondern auch jenen, die Studiengänge entwickeln und in den Studiengängen dozieren. So möchte Fesl, dass Forschungsergebnisse in Österreich Ausbildungsanbietern Anregung bieten und sie für eine Ausbildungsverordnung für Lehr- und Führungskräfte genutzt werden.
Für Deutschland verweist das Werk darauf, dass hier schon viel geschafft ist, aber hier noch einmal etwas aufgeworfen ist, das interessieren muss. Die Lehrkräftebildung der Pflege- und Gesundheitsberufe ist auch hier nicht abgeschlossen (vgl. Arens, Brinker-Meyendriesch 2018; Reiber et al. 2024 und andere), sondern will und wird sich weiterentwickeln.
Quellen
- Arens, Frank; Brinker-Meyendriesch, Elfriede (2018): Spektrum Lehrerbildung Pflege und Gesundheit. Zeitzeugen einer Disziplinentwicklung. Berlin: wvb.
- Reiber, Karin; Winter, Maik H.-J.; Mosbacher-Strumpf, Sascha (2015): Berufseinstieg in die Pflegepädagogik. Eine empirische Analyse von beruflichem Verbleib und Anforderungen. Lage: Jacobs Verlag.
- Reiber, Karin; Braun, Jan; Rebmann, Marius; Mohr, Jutta (2024): Neue Qualifizierungswege im Fokus − Lehrerinnen- und Lehrerbildung der Domäne Pflege zwischen Attraktivität, Flexibilisierung und Professionalisierung. bwp@ Berufs- und Wirtschaftspädagogik – online, 47, S. 1–21.
- Rothland, Martin (2025): Studien- und Berufswahlmotivation. In: Cramer, Colin; König, Johannes; Rothland, Martin (Hrsg.): Handbuch Lehrerinnen- und Lehrerbildung, 2. vollst. überarb. u. erw. Aufl., S. 925–931.
- Schüle, Christoph; Besa, Kris-Stephen; Denger, Corinna; Feßler, Felix; Arnold, Karl-Heinz (2014): Lehrerbelastung und Berufswahlmotivation: ein ressourcentheoretischer Ansatz. In: Lehrerbildung auf dem Prüfstand 7, S. 175–189. URN: urn:nbn:de:0111-pedocs-147544 – DOI: 10.25656/01:14754.