
Autor/innen:
Wolfgang Hein & Georg Simonis
Bibliographische Daten:
Springer VS, Wiesbaden 2026, 412 Seiten, 29,99 €,
ISBN 978-3-658-51238-5
Nadine Scholz-Schwärzler,
In einer Zeit, in der die Rede von einer globalen „Polykrise“ und dem Ende des Multilateralismus dominiert, werfen Wolfgang Hein und Georg Simonis einen fundierten Blick auf die tatsächliche Entwicklung überstaatlicher Institutionen. Ihr Werk richtet den Fokus auf die oft übersehene, jahrzehntelange Entwicklung eines komplexen, überstaatlichen multilateralen Institutionensystems, das zur Sicherung unserer Lebensgrundlagen im Anthropozän entstanden ist.
Beide Autoren bringen für diese fundamentale Analyse eine herausragende wissenschaftliche Expertise mit: Wolfgang Hein war am renommierten GIGA-Institut in Hamburg tätig und publizierte unter anderem Werke zur nachhaltigen Gesundheitsversorgung im Globalen Süden. Georg Simonis, emeritierter Professor der Fernuniversität in Hagen, prägte die politikwissenschaftliche Debatte maßgeblich durch sein „Handbuch globale Klimapolitik“ und seine Analysen zur Global Governance.
Die Entstehungsgeschichte des Buches reicht in das Jahr 2023 zurück. Motiviert durch die damals einsetzende Debatte über die globale „Polykrise“ und die vermeintliche Rückkehr zu rein nationalstaatlicher Geopolitik, machten sich die Autoren daran, den langfristigen Strukturwandel des internationalen Systems zu rekonstruieren. Sie taten dies aus einer geteilten Unzufriedenheit darüber, dass der mediale Blickwinkel die faktische Existenz und Tiefe globaler Steuerungsstrukturen weitgehend ausblendet. Ihr zentrales Anliegen ist es zu untersuchen, ob dieses überstaatliche System zur Bereitstellung Globaler Öffentlicher Güter stabil genug ist, um den geopolitischen Wandel der Gegenwart nicht nur zu überstehen, sondern aktiv mitzugestalten. Dabei betonen sie den engen „Politik-Wissenschaft-Nexus“ im Anthropozän: Globale Krisen wie der Klimawandel und Pandemien erfordern eine dauerhafte Rückbindung politischer Therapiekonzepte an wissenschaftlich gesicherte Diagnosen.
Das Werk besticht durch eine klare, logische Gliederung in sechs aufeinander aufbauende Kapitel. Nach einer grundlegenden Einführung in die Problemstellung von Gesundheit und Klima als globale öffentliche Güter im Anthropozän (Kapitel 1) wird im zweiten Kapitel der normative und historische Rahmen internationaler Organisationen aufgespannt. Das dritte Kapitel liefert das theoretische Herzstück des Buches: Eine vergleichende Governanceanalyse, die systematisch zwischen vertikaler (verpflichtender, regelbasierter) und horizontaler (kooperativer, auf weichen Zielen beruhender) Steuerung differenziert. Diese analytische Schablone wird anschließend auf zwei detaillierte Fallstudien angewendet. Kapitel 4 widmet sich der Entwicklung der Global Health Governance, wobei die Rolle der WHO und die Transformation des globalen Gesundheitsregimes analysiert werden, Kapitel 5 zeigt die Sicht auf die Global Climate Governance, indem die vertikale Governance der Emissionsminderung (Mitigation) mit der horizontalen Governance der Klimaanpassung (Adaptation) verglichen wird. Das abschließende sechste Kapitel führt die Ergebnisse der Fallstudien analytisch und perspektivisch zusammen.
Der besondere Wert dieser Publikation liegt in ihrem hochinnovativen, systematisch-vergleichenden Ansatz. Den Autoren gelingt es, die tiefen strukturellen Ähnlichkeiten und funktionalen Verflechtungen der beiden scheinbar so unterschiedlichen Politikfelder verständlich offenzulegen. Die textliche Zugänglichkeit wird dabei durch eine hervorragende optische Gestaltung unterstützt. Zahlreiche komplexe Grafiken – wie z.B. die Visualisierung der informellen Netzwerke der „Geneva Connection“ – machen die auf den ersten Blick abstrakten Governance-Strukturen greifbar. Zudem zeichnet sich das Werk durch eine immense Aktualität aus: Wichtige globale Weichenstellungen wie die Reformen der Internationalen Gesundheitsvorschriften von 2024 sowie das im Jahr 2025 verabschiedete WHO-Pandemieabkommen sind bereits vollständig eingearbeitet und kritisch reflektiert. Bei aller wissenschaftlichen Dichte bleibt die Sprache stets sachlich-informativ und der Text flüssig lesbar.
Besonders hervorzuheben ist die wissenschaftliche Ehrlichkeit der Autoren, die sich auch in einer ausgewogenen Diskussion der Schwachpunkte des multilateralen Systems zeigt. Realistisch legen Hein und Simonis dar, dass vor allem horizontale Governance-Formen unter gravierenden Implementationsdefiziten auf nationaler Ebene leiden, da ihnen harte, völkerrechtlich bindende Sanktionsmechanismen fehlen. So belegen sie empirisch, dass globale Ziele zur Gesundheitsversorgung trotz hoher normativer Legitimität weitgehend „off track“ sind und die finanziellen Belastungen für die Ärmsten durch private Zuzahlungen („out-of-pocket payments“) weltweit sogar ansteigen.
Aus Sicht der Rezensentin, Ergotherapeutin und Schulleitung, erweist sich dieses Buch auch für die (Aus-)Bildung und Lehre in den Gesundheitsberufen als eine unverzichtbare didaktische Ressource. Es regt Lernende dazu an, lokale therapeutische Realitäten in einen globalen Kontext einzuordnen. Das Buch selbst befasst sich zwar mit den übergeordneten politischen Regimen und nennt die Ergotherapie oder den Weltverband (WFOT) nicht explizit, doch lassen sich die vorgestellten Konzepte nahtlos z.B. auf ergotherapeutische Kernkompetenzen übertragen. Der starke Fokus des Buches auf die sozialen Determinanten von Gesundheit und den „Whole-of-Society“-Ansatz korrespondiert direkt mit dem ergotherapeutischen Konzept der Betätigungsgerechtigkeit (Occupational Justice). Nur wenn gesellschaftliche und ökologische Barrieren auf Systemebene abgebaut werden, ist eine gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen an gesundheitsfördernden Betätigungen möglich. Zudem liefert der ausführliche Teil zur Klimaanpassung (Adaptation) die perfekte makropolitische Fundierung für die Nachhaltigkeitsstrategien der WFOT, die ErgotherapeutInnen weltweit dazu aufrufen, die Resilienz von Klienten und Gemeinschaften gegenüber den gesundheitlichen Folgen des Klimawandels aktiv zu stärken. Das Verständnis dieser globalen Governance-Strukturen befähigt angehende ErgotherapeutInnen, eine aktive, politisch informierte Rolle in der Daseinsfürsorge einzunehmen.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Wolfgang Hein und Georg Simonis ein herausragendes Werk gelungen ist. Es veranschaulicht eindrucksvoll, wie globale öffentliche Güter trotz nationaler Egoismen gesichert werden können. Das Buch ist eine uneingeschränkte Leseempfehlung für Lehrende, Lernende und Fachkräfte der Gesundheits- und Sozialwissenschaften sowie für alle therapeutisch Tätigen, die ihre berufliche Praxis im Sinne einer globalen und ökologischen Verantwortung zukunftsfähig ausrichten wollen.