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Forschungsverbund will pflegerisches Erfahrungswissen für die Ausbildung sichern

16. Juli 2026 durch
Forschungsverbund will pflegerisches Erfahrungswissen für die Ausbildung sichern
Franziska Reuther

Mit einem neuen Forschungsverbund im Rahmen des „Ladenburger Kollegs“ will die Daimler und Benz Stiftung dazu beitragen, pflegerisches Erfahrungswissen systematisch zu erfassen und für die Ausbildung nutzbar zu machen. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich implizites, in der Praxis erworbenes Wissen erfahrener Pflegefachpersonen dokumentieren und an künftige Generationen weitergeben lässt. Für das Projekt „Sensorgestützte Erfassung pflegerischen Erfahrungswissens und Vermittlung durch KI-basierte humanoide Robotik“ stellt die Stiftung rund 1,5 Millionen Euro zur Verfügung.

Ausgangspunkt des Vorhabens ist der absehbare Fachkräftemangel in der Pflege. Schätzungen zufolge könnten in Deutschland bis zum Jahr 2050 zwischen 280.000 und 690.000 Pflegefachpersonen fehlen. Mit dem demografischen Wandel wächst nicht nur der Bedarf an pflegerischer Versorgung, sondern auch das Risiko, dass mit dem Ausscheiden erfahrener Fachpersonen wertvolles Erfahrungswissen verloren geht. Gemeint sind dabei nicht allein fachliche Kenntnisse, sondern auch eingeübte Handlungsroutinen, situative Einschätzungen, Interaktionsformen und Bewegungsabläufe, die über Jahre hinweg in der Praxis entstanden sind und sich nur begrenzt in Lehrbüchern oder standardisierten Curricula abbilden lassen.

„Die Expertise des situativen pflegerischen Erfahrungswissens umfasst zwei wesentliche Aspekte“, erklärt PD Dr. Heiko Gaßner vom Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen IIS und dem Uniklinikum Erlangen. „Dazu zählen das gedankliche Wissen, das auf der klassischen Berufserfahrung beruht, und darüber hinaus das verkörperte Bewegungswissen, das essenziell für die Förderung und Mobilisation pflegebedürftiger Menschen ist.“ Gerade dieses verkörperte Wissen sei häufig nur im Handeln selbst präsent und entziehe sich einer rein sprachlichen Vermittlung. Mit dem Ausscheiden erfahrener Pflegefachpersonen gehe deshalb eine zentrale Ressource verloren.

Nach Einschätzung des Forschungsteams reichen bisherige pädagogische und technologische Ansätze nicht aus, um diesen Wissensverlust wirksam aufzufangen. Das neue Vorhaben setzt deshalb auf ein interdisziplinäres Vorgehen, in dem Pflege- und Bewegungswissenschaft, Medizin, Medizintechnik und Robotik zusammengeführt werden. Ziel ist es, reale Pflegehandlungen direkt am Körper erfahrener Pflegefachpersonen mithilfe eines körpernahen Sensornetzwerks zu erfassen. Die dabei gewonnenen Bewegungsdaten sollen analysiert, systematisch aufbereitet und anschließend auf einen humanoiden Roboter übertragen werden.

In der Pflegeausbildung soll dieser Roboter künftig eine doppelte Funktion übernehmen. Einerseits soll er als „Pflegekraft“ bestimmte Bewegungsabläufe demonstrieren, andererseits als „Pflegeempfangender“ realistische Widerstände simulieren. Auf diese Weise könnte er zu einem praxisnahen Lernmedium werden, mit dem nicht nur Abläufe gezeigt, sondern auch situative Anforderungen und körperliche Interaktionen erfahrbar gemacht werden. Grundlage dafür ist ein Datensatz zu pflegerischen Interaktionen, auf den eine künstliche Intelligenz zugreift. „Durch die Verbindung mit KI wird der Roboter zu einem intelligenten Lernpartner“, so Gaßner.

Das Projekt zielt damit nicht nur auf eine technologische Innovation, sondern auch auf eine bildungsbezogene Weiterentwicklung der Pflegeausbildung. Es greift die Frage auf, wie berufliches Erfahrungswissen künftig systematischer gesichert und in Lernprozesse übersetzt werden kann. Gerade für die Ausbildung in den Gesundheitsberufen ist dies von besonderer Relevanz, weil pflegerische Kompetenz nicht allein aus theoretischem Wissen besteht, sondern wesentlich auch aus eingeübtem, situationsbezogenem und körperlich eingebettetem Handeln.

Die Laufzeit des Projekts beträgt drei Jahre. Beteiligt sind das Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen IIS, das Uniklinikum Erlangen, die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg sowie die Frankfurt University of Applied Sciences. Darüber hinaus sind Partner aus der Pflegepraxis eingebunden. Als Datenbasis stellt das Uniklinikum Erlangen digitalisierte Mobilitätseinschätzungen zur Verfügung, die von Pflegefachpersonen in den vergangenen zehn Jahren bei stationären Patientinnen und Patienten erhoben wurden.

Langfristig sehen die Projektbeteiligten auch über die Pflege hinaus Anwendungsmöglichkeiten. Das Grundprinzip, Erfahrungswissen sensorgestützt zu erfassen und mithilfe intelligenter Systeme weiterzugeben, könnte perspektivisch auch in anderen Bereichen relevant werden, in denen implizites Erfahrungswissen verloren zu gehen droht – etwa im Handwerk, in der industriellen Produktion oder in der Landwirtschaft.


Zur Pressemitteilung: https://idw-online.de/de/news873701

Foto: stock.adobe.com – Fxquadro

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