Zum Inhalt springen

Würzburger Lehrprojekt schult Medizinstudierende und Studierende der Hebammenwissenschaft im Umgang mit Sprach- und Kulturbarrieren

19. August 2026 durch
Würzburger Lehrprojekt schult Medizinstudierende und Studierende der Hebammenwissenschaft im Umgang mit Sprach- und Kulturbarrieren
Franziska Reuther

Im Lehrprojekt „Sprachbarrieren in der Anamnese überwinden“ schlüpfen Studierende der Medizin und Hebammenwissenschaft in die Rolle der Behandelnden und führen mit fremdsprachlichen Schauspielpatient:innen – Schüler:innen der Würzburger Dolmetscherschule – Anamnesegespräche nach einem vorgeschriebenen Skript. (c) Kristin Linkamp / UKW

Nur im Bearbeitungsmodus sichtbar.

Im Lehrprojekt „Sprachbarrieren in der Anamnese überwinden“ schlüpfen Studierende der Medizin und Hebammenwissenschaften in die Rolle der Behandelnden und führen mit fremdsprachlichen Schauspielpatient/innen – Schüler/innen der Würzburger Dolmetscherschule – Anamnesegespräche nach einem vorgeschriebenen Skript. (c) Kristin Linkamp / UKW


Sprachliche Missverständnisse und unterschiedliche Vorstellungen von Krankheit und Behandlung können die Versorgung erschweren. Ein Lehrprojekt der Universitätsmedizin Würzburg vermittelt deshalb angehenden Ärzt:innen und Hebammen, wie sie Anamnesegespräche kultursensibel und sicher führen können. Das dreisemestrige Konzept wird von der Stiftung Innovation in der Hochschullehre (StIL) im Programm „Freiraum“ mit knapp 400.000 Euro gefördert.

Seit dem Wintersemester 2025 nehmen Medizinstudierende ab dem achten Semester und Studierende der Hebammenwissenschaften ab dem dritten Semester an dem neuen Pflichtcurriculum teil. Im Mittelpunkt stehen Sprachbarrieren, kulturell unterschiedliche Gesundheitsvorstellungen und die Frage, wie Kommunikation im medizinischen Alltag professionell gestaltet werden kann.

„Gelingende Kommunikation verbessert nicht nur das Vertrauensverhältnis zwischen Behandelnden und Patientinnen und Patienten, sondern kann auch dazu beitragen, unnötige Diagnostik, Fehlbehandlungen und langwierige Behandlungspfade zu vermeiden“, erklären die Projektleiterinnen Prof. Dr. Anne Simmenroth und Dr. Janina Zirkel vom Institut für Allgemeinmedizin.

Drei Online-Module und praktische Anamnesetrainings

Das Lehrangebot startet mit interaktiven Online-Modulen. Zunächst setzen sich die Studierenden mit den Folgen sprachlicher und interkultureller Barrieren für die Gesundheitsversorgung auseinander. Weitere Inhalte sind Kommunikation im interkulturellen Kontext, Gesundheitskompetenz und Diskriminierung. Die Teilnehmenden reflektieren außerdem, wie die eigene Sozialisation den Blick auf andere Menschen beeinflusst und wie Vorurteile erkannt werden können.

Ein drittes Modul bereitet auf praktische Übungen vor. Dabei werden verschiedene Formen der Sprachmittlung vorgestellt – von professionellen Dolmetschdiensten über Laiendolmetschende bis zu Übersetzungs-Apps. Auch Schweigepflicht und Datenschutz werden thematisiert. In der ambulanten Versorgung übernehmen gesetzliche Krankenkassen die Kosten für professionelle Sprachmittlung in der Regel nicht.

Im Praxisteil führen die Studierenden Anamnesegespräche mit fremdsprachigen Schauspielpatient:innen. Schüler:innen der Würzburger Dolmetscherschule übernehmen diese Rollen. Die Gespräche werden sowohl mit Übersetzungs-Apps als auch mit menschlicher Sprachmittlung durchgeführt und anschließend gemeinsam ausgewertet.

Die Erfahrungen zeigen, dass digitale Übersetzungshilfen nicht immer zuverlässig funktionieren. „Die Apps übersetzen oft totalen Unsinn“, berichtet Janina Zirkel. In den Rollenspielen führten fehlerhafte Übersetzungen teilweise dazu, dass Beschwerden falsch verstanden oder wichtige Aspekte nicht angesprochen wurden. Für Patient:innen kann dies den Eindruck erwecken, nicht ernst genommen zu werden.

Auch Gespräche mit Angehörigen oder anderen Laiendolmetschenden müssten vorbereitet und nachbesprochen werden, betont Anne Simmenroth. Die dolmetschende Person sollte über Schweigepflicht und Gesprächsregeln informiert werden. Wichtig sei, das Gesagte möglichst genau und ohne eigene Interpretation wiederzugeben. „Wir reden nicht über den Patienten, sondern mit dem Patienten“, so Simmenroth.

Sensible Kommunikation betrifft alle Patient:innen

Das Lehrprojekt richtet sich nicht ausschließlich auf Menschen mit Migrationsgeschichte. Auch Patient:innen ohne Migrationserfahrung bringen unterschiedliche Erfahrungen und Vorstellungen von Krankheit und Therapie mit. Eine gute Anamnese setzt daher voraus, dass Behandelnde die individuelle Lebensrealität berücksichtigen, offen nachfragen und die eigene Perspektive hinterfragen.

„Gute Medizin beginnt damit, diese Perspektiven zu verstehen und sich in die Lebensrealität der Patientin oder des Patienten hineinzuversetzen“, sagt Simmenroth. Ziel sei eine empathische, diversitätssensible und fachlich sichere Kommunikation.

Die Evaluationen zeigen, dass die Studierenden ihre Fähigkeiten durch die Übungen deutlich verbessern konnten. Nach dem Kurs stieg ihre Kompetenz, eine diversitätssensible Anamnese zu führen, signifikant von einem niedrigen auf ein hohes Niveau. Fast alle Teilnehmenden bewerteten die Inhalte als sehr praxisrelevant.

Inhalte sollen dauerhaft verankert werden

Obwohl Sprachbarrieren und unterschiedliche Gesundheitsvorstellungen im Versorgungsalltag häufig vorkommen, sind sie im Medizinstudium bislang nur selten systematisch verankert. Das Würzburger Projekt soll diese Lücke schließen. Die Förderung läuft bis Frühjahr 2027. Anschließend sollen die Inhalte dauerhaft im Curriculum verankert und schrittweise auf weitere Berufsgruppen übertragen werden.

Davon könnten neben Ärzt:innen und Hebammen auch Pflegefachpersonen, therapeutische Berufe und bereits tätige Mediziner:innen profitieren. Multiplikator:innen aus unterschiedlichen Gesundheitsberufen sollen die erworbenen Kompetenzen in ihre jeweiligen Arbeitsfelder weitertragen.


Im Lehrprojekt „Sprachbarrieren in der Anamnese überwinden“ schlüpfen Studierende der Medizin und Hebammenwissenschaften in die Rolle der Behandelnden und führen mit fremdsprachlichen Schauspielpatient/innen – Schüler/innen der Würzburger Dolmetscherschule – Anamnesegespräche nach einem vorgeschriebenen Skript. (c) Kristin Linkamp / UKWIm Lehrprojekt „Sprachbarrieren in der Anamnese überwinden“ schlüpfen Studierende der Medizin und Hebammenwissenschaften in die Rolle der Behandelnden und führen mit fremdsprachlichen Schauspielpatient/innen – Schüler/innen der Würzburger Dolmetscherschule – Anamnesegespräche nach einem vorgeschriebenen Skript. (c) Kristin Linkamp / UKWZur Pressemitteilung: https://www.ukw.de/medien-kontakt/presse/pressemitteilungen/detail/news/besser-verstehen-sicherer-behandeln-wuerzburg-trainiert-kultursensible-medizin/

Originaltext von Kirstin Linkamp / Wissenschaftskommunikation Universitätsklinikum Würzburg

Für alle, die Gesundheitsberufe ausbilden:

Sichern Sie sich mit einem Abo der Zeitschrift Pädagogik der Gesundheitsberufe aktuelle Fachbeiträge zu Lehre, Didaktik, Praxisanleitung und Bildungsentwicklung – inklusive Online-Zugang zum Archiv.

Jetzt abonnieren!


Diesen Beitrag teilen
Unsere Blogs
Archiv