Welche Faktoren beeinflussen die Entscheidung für ein Pflegestudium – und wodurch wird die Pflege als berufliche Perspektive attraktiv oder unattraktiv? Mit dieser Frage befasst sich der neue Evidence Brief The Attractiveness of Nursing for Prospective and Current Nursing Students des Global Nursing Workforce Centre (GNWC), einer gemeinsamen Initiative des International Council of Nurses (ICN) und TruMerit®.
Der Evidence Brief fasst Forschungsergebnisse aus 42 Ländern zusammen. Grundlage ist eine gezielte Literaturrecherche in PubMed. Von 302 identifizierten Veröffentlichungen wurde eine thematisch relevante Auswahl ausgewertet. Im Mittelpunkt stehen Studieninteressierte, Bewerber*innen und aktuelle Pflegestudierende.
Die Ergebnisse zeigen, dass die Attraktivität der Pflege durch ein Zusammenspiel persönlicher Motive, beruflicher Erwartungen und struktureller Bedingungen geprägt wird. Der Wunsch, anderen Menschen zu helfen und einen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten, bleibt ein wichtiges Motiv für die Wahl der Pflege. Auch Arbeitsplatzsicherheit und gute Beschäftigungsperspektiven werden häufig als Gründe genannt.
Gleichzeitig weisen die ausgewerteten Studien auf deutliche Abschreckungsfaktoren hin. Dazu gehören insbesondere hohe Arbeitsbelastung, Stress, emotionale Anforderungen, Personalmangel und Burnout. Negative Vorstellungen von den zukünftigen Arbeitsbedingungen können bereits vor dem Berufseinstieg entstehen und mit der Absicht zusammenhängen, ein Pflegeprogramm zu verlassen.
Frühe Erfahrungen beeinflussen die berufliche Orientierung
Für die Pflegebildung sind insbesondere die Ergebnisse zu frühen Wahrnehmungen und Praxiserfahrungen relevant. Vorstellungen über den Pflegeberuf bilden sich bereits vor der Bewerbung und entwickeln sich während des Studiums und der ersten beruflichen Erfahrungen weiter.
Der Evidence Brief verweist darauf, dass informelles Lernen und frühe Erfahrungen am Arbeitsplatz mit beruflichen Erwartungen und Zufriedenheit zusammenhängen. Gut unterstützte klinische Einsätze und psychologisch sichere Lernumgebungen können daher die berufliche Orientierung und das Interesse an einer längerfristigen Tätigkeit in der Pflege fördern.
Die Autorinnen und Autoren betonen zugleich, dass die bisherigen Studien nur begrenzt Aussagen über langfristige Wirkungen ermöglichen. Für Recruiting- und Frühkontaktmaßnahmen fehlen teilweise methodisch robuste Evaluationen.
Pflege braucht ein modernes und realistisches Berufsbild
Auch das gesellschaftliche Image der Pflege beeinflusst ihre Attraktivität. Medien, persönliche Begegnungen mit Pflegefachpersonen und Recruiting-Botschaften prägen die Vorstellungen von Studieninteressierten.
Der Evidence Brief beschreibt ein Spannungsfeld zwischen traditionellen Darstellungen von Pflege als fürsorglicher Tätigkeit und den heutigen Anforderungen an Professionalität, Autonomie und technische Kompetenz. Ein modernes Berufsbild sollte daher das gesamte Spektrum pflegerischer Aufgaben und Verantwortungsbereiche sichtbar machen.
Darüber hinaus können geschlechtsbezogene Vorstellungen die Wahrnehmung des Berufs beeinflussen. Die enge Verbindung von Pflege mit weiblich konnotierter Fürsorge wirkt sich auf die gesellschaftliche und wirtschaftliche Bewertung des Berufs aus und kann für einige potenzielle Bewerber, insbesondere Männer, abschreckend sein.
Karriereentwicklung und Work-Life-Balance
Neuere Forschung weist darauf hin, dass Flexibilität, Work-Life-Balance und berufliche Entwicklungsmöglichkeiten für jüngere Generationen zunehmend relevant sind. Karrierewege und Möglichkeiten zur Spezialisierung sollten deshalb bereits frühzeitig im Studium und in der beruflichen Orientierung sichtbar gemacht werden.
Der Evidence Brief nennt unter anderem:
- unterschiedliche berufliche Rollen und Tätigkeitsfelder
- Spezialisierungs- und Aufstiegsmöglichkeiten
- berufliche Entwicklung
- Flexibilität
- Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben
- Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten am Arbeitsplatz
Diese Faktoren stehen in Wechselwirkung mit dem wahrgenommenen Status und der Nachhaltigkeit des Pflegeberufs.
Recruiting allein reicht nicht aus
Aus der Literaturauswertung ergibt sich, dass Recruiting-Botschaften mit den tatsächlichen Erfahrungen im Studium und späteren Berufsalltag übereinstimmen müssen. Die gesellschaftliche Bedeutung der Pflege sollte sichtbar werden, ohne Arbeitsbelastungen und emotionale Anforderungen auszublenden.
Der Evidence Brief empfiehlt daher:
- Recruiting-Kommunikation realistisch zu gestalten
- frühe klinische Erfahrungen gut zu begleiten
- psychologisch sichere Lernumgebungen zu schaffen
- Karriere- und Spezialisierungsmöglichkeiten frühzeitig zu vermitteln
- Vergütung im Verhältnis zu Arbeitsaufwand, Verantwortung und emotionalen Anforderungen zu betrachten
- geschlechtsbezogene Stereotype abzubauen
- Arbeitsbedingungen als Grundlage von Personalgewinnung und Personalbindung zu verbessern
Die Attraktivität der Pflege wird im Evidence Brief nicht als isolierte Wahrnehmung verstanden. Sie gilt vielmehr als Hinweis auf die Bedingungen, unter denen Menschen den Beruf kennenlernen, sich für ihn entscheiden und ihre berufliche Zukunft einschätzen.
Damit richtet sich die zentrale Aussage nicht nur an Bildungseinrichtungen, sondern ebenso an Arbeitgeber, politische Entscheidungsträger*innen und Verantwortliche für die Pflegepersonalplanung: Eine nachhaltige Stärkung der Pflege erfordert abgestimmte Maßnahmen in Bildung, Organisation und Gesundheitspolitik. Recruiting und berufliche Bindung sollten dabei als miteinander verbundene Aufgaben betrachtet werden.
Zentrale Aussagen des Evidence Briefs zusammengefasst
Der Evidence Brief zeigt, dass altruistische Motive und der Wunsch, einen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten, weiterhin wichtige Gründe für die Wahl der Pflege sind. Auch die Aussicht auf Arbeitsplatzsicherheit und gute Beschäftigungsmöglichkeiten kann die Attraktivität des Berufs erhöhen.
Gleichzeitig wirken hohe Arbeitsbelastung, Stress und Burnout als starke Abschreckungsfaktoren. Das Berufsbild und der gesellschaftliche Status der Pflege beeinflussen ebenfalls, wie Studieninteressierte und Pflegestudierende den Beruf bewerten. Erste Bildungs- und Praxiserfahrungen prägen dabei die berufliche Orientierung und können die weitere Bindung an die Pflege beeinflussen.
Für jüngere Generationen gewinnen zudem Flexibilität, Work-Life-Balance und berufliche Entwicklungsmöglichkeiten an Bedeutung. Der Evidence Brief macht deshalb deutlich, dass Recruiting-Maßnahmen allein nicht ausreichen, um die Pflege nachhaltig attraktiv zu gestalten. Verbesserungen der Arbeitsbedingungen sind sowohl für die Gewinnung neuer Pflegefachpersonen als auch für deren langfristige Bindung an den Beruf von zentraler Bedeutung.
Über das Global Nursing Workforce Centre
Das Global Nursing Workforce Centre (GNWC) ist eine gemeinsame Initiative des International Council of Nurses (ICN) und TruMerit®. Als Impulsgeber für eine evidenzbasierte Personalpolitik im Gesundheitswesen überführt das Zentrum internationale Forschung zur Pflegepersonalentwicklung in praxisnahe Handlungsempfehlungen. Es unterstützt politische Entscheidungsträger*innen, Arbeitgeber, Bildungseinrichtungen und Führungskräfte im Gesundheitswesen bei der Entwicklung nachhaltiger Personallösungen und leistungsfähiger Gesundheitssysteme weltweit.
Über TruMerit®
TruMerit® fördert eine verlässliche internationale Mobilität von Gesundheitsfachkräften durch die Bewertung von Qualifikationen, Kompetenzprüfungen, Arbeitsmarktanalysen und berufliche Weiterentwicklung. Indem qualifizierte Gesundheitsfachkräfte bei der Gestaltung ihrer beruflichen Wege über Ländergrenzen hinweg und während ihrer gesamten Laufbahn unterstützt werden, trägt TruMerit zur Stärkung von Gesundheitssystemen und zu einem besseren Zugang zu qualitativ hochwertiger Versorgung weltweit bei.
Über den International Council of Nurses
Der International Council of Nurses (ICN) ist ein Zusammenschluss von mehr als 140 nationalen Pflegeverbänden, die weltweit Millionen von Pflegefachpersonen vertreten. Der ICN wird von Pflegefachpersonen geführt und setzt sich international für die Pflege ein. Ziel ist es, eine hochwertige Gesundheitsversorgung für alle Menschen sowie eine verantwortungsvolle Gesundheitspolitik weltweit zu fördern.
Quelle: Moronski, L. & To Dutka, J. (2026). Where Are We? Brief Number 3: The Attractiveness of Nursing for Prospective and Current Nursing Students. Global Nursing Workforce Centre, Global Health Workforce Development Institute, TruMerit.
Zur Pressemitteilung: https://www.icn.ch/news/global-study-nursing-shortages-require-workforce-policy-solutions-not-recruitment-campaigns